Kaum ein anderes Umfeld ist so stark auf reibungslose Zusammenarbeit angewiesen wie ein großer Hafen oder Flughafen. Jeden Tag beeinflussen Hunderte von Entscheidungen, ob ein Schiff pünktlich anlegt, ein Flugzeug rechtzeitig für den nächsten Take-off bereitsteht oder Treibstoff zum richtigen Zeitpunkt verfügbar ist. Für jede dieser Entscheidungen kann eine anderer Player im Ökosystem verantwortlich sein. Doch erst im Zusammenspiel entscheidet sich, wie effizient der gesamte Betrieb funktioniert.
Für Führungskräfte in der Verkehrsbranche bedeutet das eine zentrale Herausforderung. Die Branche hat erheblich in digitale Plattformen, Daten und künstliche Intelligenz (KI) investiert. Das Versprechen: mehr Transparenz, bessere Entscheidungen und effizientere Abläufe. Doch Technologie allein kann dies nicht leisten. Der Grund ist simpel: Die Verkehrsbranche funktioniert bereits als Ökosystem, die Daten können aber noch nicht mithalten.
In einem großen Hafen arbeiten unter anderem Terminalbetreiber, Schlepperdienste, Schiffsagenturen, Lotsendienste und die Schiffsverkehrsüberwachung zusammen. An einem Flughafen sind es Fluggesellschaften, Bodenabfertigungsdienste, Grenzbehörden, Treibstofflieferanten und zahlreiche weitere Partner. Jeder Partner hat eigene Aufgaben, Systeme und eine eigene Perspektive auf den Betrieb. Wer das Gesamtsystem optimieren will, muss diese unterschiedlichen Perspektiven zu einem gemeinsamen Lagebild zusammenführen.
Dazu reicht es nicht, den aktuellen Betriebszustand zu kennen. Entscheidend ist auch, frühzeitig zu erkennen, was als Nächstes passieren könnte: Wann treffen Schiffe ein? Welche Liegeplätze sind verfügbar? Welche Kapazitäten stehen bereit? Wo drohen Verzögerungen? Und welchen Einfluss hat das Wetter? Damit alle Beteiligten rechtzeitig reagieren können, müssen sie diese Informationen frühzeitig und koordiniert austauschen.

Unscheinbare Informationslücken führen zu weitreichenden Betriebsproblemen
Welche Folgen fehlende Abstimmung haben kann, zeigt sich oft an scheinbar alltäglichen Situationen. Ein Schiff ist bereit zum Ablegen, doch die Besatzung des Schleppers steht nicht zur Verfügung. Auf den ersten Blick scheint das ein Problem der Personalplanung zu sein. Tatsächlich hatte die Besatzung bereits in Bereitschaft gewartet. Weil sich die Planung im Laufe des Tages mehrfach änderte, erreichte sie schließlich die gesetzlich zulässige Arbeitszeit und musste den Dienst beenden.
Was genau zu dieser Situation geführt hat, lässt sich ohne eine gemeinsame Dokumentation der Planungsänderungen nur schwer nachvollziehen. War es eine verspätete Information? Eine Änderung des Liegeplatzes? Oder eine Entscheidung an anderer Stelle im Hafenbetrieb?
Was zunächst wie eine mangelhafte Einsatzplanung des Schlepperdienstes aussieht, ist in Wirklichkeit ein organisationsübergreifendes Informationsproblem. Wenn sich solche Situationen bei Hunderten von Schiffsbewegungen und Betriebsmitteln wiederholen, sind die operativen Auswirkungen erheblich. Doch die Folgen reichen weit über den täglichen Betrieb hinaus.
Beeinträchtigt eine mangelhafte Koordination die Abfertigungszeiten und führt zu zusätzlichen Liege- und Wartegeldern, verliert ein Hafen bei der Vergabe von Frachtaufträgen und Verträgen an Wettbewerbsfähigkeit. Für einen großen Energiehafen entsteht daraus ein wirtschaftliches Risiko, das weit über das Hafengelände hinausreichen und sogar die nationale Energieversorgungssicherheit betreffen kann.
Wer Transportabläufe nachhaltig verbessern will, muss deshalb über die Grenzen einzelner Organisationen, Technologien und Datensysteme hinausdenken.
Learnings aus der Praxis: Der Hafen Milford Haven
Gemeinsam mit dem Port of Milford Haven, dem führenden Energiehafen Großbritanniens, hat Zühlke untersucht, wie operative Informationen zwischen den Organisationen fließen, die an einem Hafenanlauf beteiligt sind.
Die Zusammenarbeit funktionierte vor allem deshalb, weil die beteiligten Menschen sie aktiv sicherstellten. Die Schiffsverkehrszentrale (Vessel Traffic Service) übernahm dabei eine zentrale Rolle und gab Informationen per Telefon und Funk weiter. Gleichzeitig stimmten sich Terminals, Schiffsagenturen, Schlepperdienste und Lotsen bei Bedarf direkt miteinander ab.
Die Herausforderung: Viele Informationen waren nur für diejenigen Personen sichtbar, die unmittelbar an einem Austausch beteiligt waren. Dadurch fehlte ein gemeinsamer Überblick über den gesamten Hafenbetrieb. Die Daten waren also vorhanden. Es fehlten jedoch die Voraussetzungen, um sie gemeinsam nutzen zu können.
Dafür mussten die Beteiligten grundlegende Fragen klären: Welche Informationen sollen sie austauschen? Zu welchem Zeitpunkt und in welchem Format? Wem gehören die Daten? Wer trägt die Verantwortung für ihre Qualität? Und wer darf darauf zugreifen?
Das sind nicht nur technische Fragen rund um Daten. Es geht ebenso um Vertrauen, gemeinsame Anreize, klare Verantwortlichkeiten und verbindliche Regeln für den Umgang mit Daten.
“Zühlke hat uns geholfen, mit einem frischen, unabhängigen Blick darauf zu schauen, wie wir Betriebsdaten im Port of Milford Haven nutzen und wie wir daraus einen größeren Mehrwert schaffen können. Gemeinsam mit verschiedenen Interessengruppen hat das Team Möglichkeiten identifiziert, Daten zu Schiffsbewegungen, Liegeplatzbetrieb und verfügbaren Ressourcen besser miteinander zu verknüpfen.”
Die Idee eines gemeinsamen, verlässlichen Lagebilds, auf das sich viele unterschiedliche Organisationen stützen können, ist dabei entscheidend.
Vertrauen mag im Rahmen eines Technologieprojekts zunächst wie ein schwer greifbares Ziel erscheinen. In einem Transportökosystem ist es jedoch die entscheidende Voraussetzung, um eine Infrastruktur aufzubauen, die alle Beteiligten akzeptieren und tatsächlich nutzen.
Fehlt dieses Vertrauen, sinkt die Bereitschaft der Organisationen, die Informationen bereitzustellen, auf die gemeinsame Systeme angewiesen sind. Und ohne verlässliche, gemeinsam genutzte Daten können selbst hochentwickelte Technologien immer nur einen Ausschnitt des Gesamtgeschehens erfassen.

Anderes Projekt, selbes Learning: Der Flughafen Zürich
Am Flughafen Zürich hat Zühlke ein ähnliches Muster identifziert. Dort verteilten sich die Betriebsdaten auf ein komplexes Netzwerk von Partnerorganisationen. Gleichzeitig geriet das bestehende Flughafenbetriebssystem (Airport Operating System) während der Spitzenzeiten zunehmend an seine Grenzen.
Um ein besseres gemeinsames Lagebild zu schaffen, reichte es nicht aus, die Technologie zu erneuern.Die beteiligten Organisationen mussten sich auch auf einheitliche Datendefinitionen, klare Verantwortlichkeiten und gemeinsame Erwartungen an den Umgang mit Daten verständigen. Diese Arbeit an der Data Governance schuf die Grundlage für eine Plattform, die heute mehr als 7.200 Nutzer:innen aus verschiedenen Partnerorganisationen unterstützt.
Ein Hafen und ein Flughafen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Doch beide Beispiele verdeutlichen dasselbe Prinzip: Ein Ökosystem lässt sich nicht optimieren, solange alle Beteiligten auf Grundlage unterschiedlicher Informationen arbeiten.
Erst das Ökosystem verstehen, dann die Plattform schaffen
Bei Digitalisierungsprojekten liegt es nahe, mit der Technologieplattform zu beginnen. In komplexen Transportumgebungen findet die entscheidende Arbeit jedoch schon vorher statt. Zunächst gilt es, alle Beteiligten zusammenzubringen, ihre jeweiligen Anforderungen und möglichen Beiträge zu verstehen und gemeinsame Vereinbarungen zu treffen. Dazu gehören klare Zuständigkeiten für Daten, einheitliche Standards und Anreize für die Zusammenarbeit.
Gerade die Anreize verdienen besondere Aufmerksamkeit. Denn die Kosten und der Nutzen gemeinsam genutzter Betriebsdaten verteilen sich selten gleichmäßig auf alle Beteiligten. Deshalb muss auch das Geschäftsmodell von Anfang an Teil der Planung sein.
Jede Organisation braucht einen nachvollziehbaren Grund, Daten bereitzustellen, dem gemeinsamen System zu vertrauen und es aktiv zu nutzen. Wie das in der Praxis funktioniert, zeigt der grenzüberschreitende Schienenverkehr.
Nachdem sich europäische Bahnbetreiber auf einen gemeinsamen Standard für kurzfristige Trassenanfragen verständigt hatten, konnte das Zühlketeam die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) dabei unterstützen, die bisherige Abstimmung per Telefon und E-Mail zwischen mehreren Infrastrukturbetreibern durch einen einheitlichen digitalen Prozess zu ersetzen. Die Umsetzung gelang innerhalb weniger Wochen.

KI wird kaputte Daten nicht reparieren
Künstliche Intelligenz bietet erhebliches Potenzial, um Störungen frühzeitig vorherzusehen, Fahr- und Betriebspläne zu optimieren und Ressourcen dynamisch zu verteilen. Langfristig dürften immer mehr operative Entscheidungen von manuellen, durch Menschen gesteuerten Abläufen auf zunehmend automatisierte Systeme übergehen. Die Aufgabe der Menschen wird sich dabei stärker auf die Überwachung und Steuerung dieser intelligenten Prozesse verlagern.
Doch auch das leistungsfähigste KI-System kann nur mit den Informationen arbeiten, die ihm zur Verfügung stehen. Wenn Betriebsdaten über verschiedene Organisationen verteilt sind, uneinheitlichen Definitionen folgen oder zu spät eintreffen, beseitigt der Einsatz von KI diese grundlegenden Probleme nicht.
Im Gegenteil: Es besteht die Gefahr, dass KI auf Basis unzureichender Informationen falsche Entscheidungen automatisiert. Den größten Nutzen aus KI werden deshalb diejenigen Organisationen ziehen, die zuerst die Voraussetzungen für verlässliche Daten schaffen: Daten müssen korrekt, aktuell und vertrauenswürdig für alle relevanten Beteiligten im Ökosystem sein.
Effizienzgewinne entstehen zukünftig zwischen Organisationen
Häfen und Flughäfen haben über Jahrzehnte hinweg einzelne Anlagen, Prozesse und Organisationen optimiert. Digitale Technologien eröffnen jetzt die Möglichkeit, auf einer neuen Ebene anzusetzen: dem gesamten Ökosystem.
Die dafür erforderlichen Technologien sind größtenteils bereits vorhanden. Die größere Herausforderung besteht darin, Vertrauen aufzubauen, gemeinsame Regeln und Verantwortlichkeiten zu etablieren und ein verlässliches Lagebild zu schaffen.
Erst dann können alle Beteiligten ihre Prozesse wirklich aufeinander abstimmen und das Potenzial des gesamten Ökosystems ausschöpfen.
Sind Sie bereit? Optimieren Sie Ihre Betriebsabläufe mit geteilten Daten.
Die Zusammenarbeit von Zühlke und dem Hafen von Milford Haven startete mit einer kurzen, KI-gestützten Discovery-Phase. Ziel war es, einen Proof-of-Concept für eine hafenweite Datenplattform zu definieren. Durch die Verknüpfung von Datenstrategie und Data Governance mit fundierter Engineering-Expertise unterstützt Zühlke Organisationen im Verkehrssektor dabei, aus ihren Ideen konkrete Lösungen zu entwickeln, diese zu testen und erfolgreich zu skalieren.




