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Energiewirtschaft & Versorgung

Wie Datenstandardisierung in Europas die Energie-Resilienz stärkt

Europas dezentralisierte Energiewende ist auf Daten angewiesen, die grenzüberschreitend frei fliessen können. Erfahren Sie, warum Datenstandardisierung zu einer entscheidenden Voraussetzung für Energie-Resilienz wird.

06. Mai 20265 Minuten Lesezeit
Mit Insights von
  • Daniel Clauss

    Head of Energy
  • Steven Steer

    Principal Data Consultant

Das Energiesystem wird zunehmend dezentralisiert – und Datenstandardisierung war noch nie so wichtig wie heute. Solaranlagen auf Dächern, Batteriespeicher, Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und intelligente Stromzähler sind inzwischen aktive Bestandteile des Systems, und jedes dieser Elemente erzeugt Daten. Jede Flexibilitätsdienstleistung ist auf einen effektiven Datenaustausch angewiesen. Jeder Optimierungsalgorithmus benötigt maschinenlesbare Informationen über Anlagen, Märkte und Netzbedingungen.

Gleichzeitig werden die digitalen Systeme hinter dem Stromnetz immer komplexer statt einfacher. Viele Organisationen haben nach wie vor Schwierigkeiten nachzuvollziehen, welche Softwarekomponenten in den von ihnen eingesetzten Plattformen integriert sind – eine Lücke, die bedeutend genug war, um Regulierungen wie das Cyberresilienzgesetz auszulösen. Wenn Daten nicht konsistent strukturiert, geteilt und systemübergreifend sowie grenzüberschreitend interpretiert werden können, gerät das Potenzial der Systemtransformation ins Stocken.

Ist dieses Problem gelöst, werden drei entscheidende Beschleuniger für die Transformation des europäischen Energiesystems freigesetzt:

  • Interoperabler Datenaustausch, der dezentrale Flexibilität über Anlagen, Betreiber und Grenzen hinweg skalierbar macht.
  • Gemeinsame Standards, die Doppelarbeit und Fragmentierung reduzieren, Kosten senken und digitale Innovation beschleunigen.
  • Höhere Cybersicherheit durch konsistente und gut gesteuerte Datenarchitekturen.

Es steht viel auf dem Spiel. Ohne diese Grundlagen lässt sich Flexibilität nicht effizient skalieren, grenzüberschreitende Optimierung wird erschwert und KI-Systeme benötigen mehr Zeit für die Übersetzung inkompatibler Daten als mit der Verbesserung der Netzperformance.

Im Folgenden untersuchen wir den aktuellen Stand von Europas Fragmentierungsproblem, warum ein Orchestrator notwendig ist und was Energieunternehmen bereits jetzt tun sollten.

Europas Fragmentierungsproblem

Europa verfolgt seit Langem die Vision eines einheitlichen Energiemarktes. Auf der digitalen Ebene verhält sich das System jedoch weiterhin wie viele voneinander getrennte Systeme.

In den einzelnen Ländern definieren Regulierungsbehörden und Netzbetreiber ihre eigenen Datenstandards, Schnittstellendefinitionen und Compliance-Rahmenwerke. Zeitreihenauflösungen unterscheiden sich, Marktschnittstellen werden unterschiedlich umgesetzt und Datenmodelle sowie Semantiken variieren. Für Energieunternehmen mit europaweiter Tätigkeit – wie beispielsweise Octopus Energy – bedeutet dies, unterschiedliche nationale Ansätze für Datenzugriff, Interoperabilität und Flexibilitätsaustausch berücksichtigen zu müssen, anstatt innerhalb eines einheitlichen Rahmens zu arbeiten.

Das Ergebnis sind Doppelarbeit, Ineffizienz und langsamere Innovation. Flexibilitätsdienste, die grenzüberschreitend skalieren könnten, bleiben auf nationale Rahmenbedingungen beschränkt, während digitale Systeme erhebliche Ressourcen darauf verwenden, inkompatible Datenformate zu übersetzen, anstatt die Netzperformance zu optimieren.

Branchenverbände benennen zunehmend die Governance-Lücke hinter dieser Fragmentierung. Eurelectric weist darauf hin, dass aktuelle Governance-Strukturen Cybersecurity und physische Sicherheit getrennt behandeln und dass zwischen den Mitgliedstaaten inkonsistente Standards bestehen. Der Verband fordert einen ganzheitlichen EU-weiten Rahmen, um Resilienz in die Systemplanung zu integrieren und klare Leitlinien sowohl für grosse Versorgungsunternehmen als auch für kleinere Betreiber bereitzustellen.

Ohne stärkere Koordination besteht die Gefahr, dass nationale Initiativen zwar Teilprobleme lösen, gleichzeitig jedoch die Fragmentierung auf europäischer Ebene weiter verstärken.

Das fehlende Puzzlestück: ein Orchestrator

Nationale Initiativen zur Verbesserung des Datenaustauschs und der digitalen Resilienz existieren bereits in ganz Europa, sind jedoch nicht synchronisiert. Standards entwickeln sich parallel weiter, Governance-Strukturen bleiben fragmentiert und vieles hängt weiterhin von nationalen Ansätzen ab.

Europa braucht mehr als nur Leitlinien. Es braucht einen Orchestrator und in einigen Bereichen stärkere Unterstützung auf EU-Ebene für die Einführung gemeinsamer technischer Standards und Schnittstellen in nationalen Energiesystemen. Wenn Interoperabilität ausschliesslich den einzelnen Mitgliedstaaten überlassen wird, bleibt die Fragmentierung bestehen.

Ein europäischer Orchestrator könnte dabei helfen, Ontologien zu harmonisieren, semantische Interoperabilität zu definieren und klarere Governance-Strukturen für den Datenaustausch zwischen Akteuren, Märkten und Ländern zu schaffen. Dies ist entscheidend, denn Flexibilität hängt nicht nur von automatisiertem Datenaustausch ab, sondern auch von standardisierten Governance-Entscheidungen darüber, wann und wie Daten überhaupt ausgetauscht werden dürfen.

Aktuelle Entwicklungen im Vereinigten Königreich bestätigen diese Tendenzen. Im März 2026 veröffentlichte die britische Regierung ihren „Energy Digitalisation Framework“ und bekannte sich damit offiziell zu einem koordinierten und orchestrierten Ansatz für das digitale Energiesystem. Unser Team bei Zühlke hatte bereits 2021 im Rahmen der „Energy Digitalisation Taskforce“ der britischen Regierung die Grundlagen für diese Orchestrierungsstrategie geschaffen.

Eurelectric fordert ein ähnliches, abgestimmtes Vorgehen auch in der EU und ruft die Mitgliedstaaten dazu auf, funktionsübergreifende Gremien einzurichten, die NIS2- und CER-Compliance zusammenführen, gemeinsame Resilienz-Roadmaps verabschieden und die Silos zwischen Cybersecurity- und physischer Sicherheitsplanung auflösen.

In der Praxis haben wir bereits erlebt, wie eine solche Orchestrierungsrolle aussehen kann. In Zusammenarbeit mit National Grid ESO haben wir die Rolle eines „Digitalisation Orchestrator“ im Rahmen der britischen digitalen Transformation hin zu Net-Zero mitdefiniert – ein Ansatz, der auch als Modell für eine europäische Koordination dienen kann.

Zur Fallstudie

Datenstandardisierung aufbauen: Was Energieunternehmen jetzt tun sollten

Auf eine europaweite Harmonisierung zu warten, ist keine Strategie. Das regulatorische Umfeld wird sich weiterentwickeln, doch die Datenarchitekturen, die Versorgungsunternehmen, Verteilnetzbetreiber (DSOs) und Energieanbieter heute aufbauen, werden entweder ihre Teilnahme an den Flexibilitätsmärkten von morgen ermöglichen oder einschränken.

Auf Ebene der Übertragungsnetzbetreiber (TSOs) existieren bereits Netzcodes als gemeinsamer Rahmen. Auf DSO-Ebene gibt es bislang kein vergleichbares System – genau hier ist die Interoperabilitätslücke am grössten. Hersteller von Wärmepumpen, EV-Ladestationen, Wechselrichtern und Batteriespeichern spüren diese Lücke unmittelbar: Ohne gemeinsame DSO-Datenstandards bleibt die Integration dezentraler Anlagen manuell, teuer und langsam.

Die praktischen Schritte sind:

  • Extern anerkannte Informationsmodelle wie das Common Information Model (CIM) übernehmen, anstatt ausschliesslich auf interne Definitionen zu setzen.
  • Datenplattformen von Anfang an auf Interoperabilität über die eigene Organisation hinaus auslegen.
  • Datenportabilität priorisieren, damit ein Wechsel von Plattformen oder Anbietern nicht bedeutet, bei null anfangen zu müssen.
  • Sich aktiv am Standardisierungsprozess beteiligen, denn Organisationen, die Standards mitgestalten, werden Compliance deutlich einfacher umsetzen können als jene, die Standards lediglich übernehmen müssen. Bei Zühlke engagieren wir uns aktiv in der Entwicklung von Energiedatenstandards, unter anderem im Umfeld des GB Common Information Model, das auch für eine breitere europäische Nutzung vorgesehen ist. 

Daten entscheiden über Energie-Resilienz

Wenn Dezentralisierung den strukturellen Wandel der Energiewende darstellt, dann ist Interoperabilität ihre grundlegende Voraussetzung. Dafür braucht es mehr als nationale Initiativen – erforderlich ist ein europäischer Orchestrator, der Daten-Governance harmonisiert, Cyber- und physische Resilienz integriert und die Weiterentwicklung von Standards zwischen den Mitgliedstaaten koordiniert.

Versorgungsunternehmen können nicht auf perfekte Harmonisierung warten. Sie müssen Architekturen schaffen, die die Anforderungen von Algorithmen, die von Anlagen erzeugten Daten und die regulatorischen Vorgaben miteinander verbinden – durch sichere Cloud-Infrastrukturen, strukturierte Datenfundamente und klare interne Governance.

We support both sides of this transformation, helping shape governance and orchestration concepts at ecosystem level, and enabling utilities to implement interoperable, secure, AI-ready architectures in practice. Because in a decentralised energy system, resilience is no longer just engineered in hardware, it is engineered in data.

Genau hier wird Energie-Resilienz operativ. Der Fokus muss sich vom Pilotieren hin zum Aufbau produktiver Lösungen verschieben, denn nur durch effektiven Datenaustausch und Echtzeit-Interoperabilität lassen sich nahtlose Abläufe erreichen.

Wir unterstützen beide Seiten dieser Transformation: Wir helfen dabei, Governance- und Orchestrierungskonzepte auf Ökosystem-Ebene zu gestalten, und unterstützen Energieunternehmen gleichzeitig bei der praktischen Umsetzung interoperabler, sicherer und KI-fähiger Architekturen. Denn in einem dezentralisierten Energiesystem wird Resilienz nicht mehr nur durch Hardware geschaffen – sondern durch Daten. 

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