Handel und Konsumgüter

Auf dem Weg zur Circular Economy: Kreislaufwirtschaft ist mehr als Recycling

Fällt der Begriff Kreislaufwirtschaft, wird noch immer hauptsächlich über Recycling gesprochen. Warum Recycling aber nur eines von drei Elementen der Kreislaufwirtschaft ist und welche Rolle die Produktenwicklung für die erfolgreiche Transformation zur Circular Economy spielt? Wir zeigen es Ihnen. 

360-Grad-Foto einer Stadt und eines Gewässers

In unserem Blogartikel „Potenziale einer Kreislaufwirtschaft“ haben wir neue Geschäftsmodelle im Rahmen der Kreislaufwirtschaft und den Wert nachhaltiger Lieferketten gezeigt. In diesem Artikel zeigen wir, wie Unternehmen nachhaltiges Produktdesign und nachhaltige Produktentwicklung in ihrer Organisation verankern, und dass es dabei um weit mehr geht, als um Recycling.

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Die Problematik beim Recycling: Einerseits wird der in den Produkten verbleibende Wert weitestgehend vernichtet und lediglich der Wert des Rohstoffes erhalten. Andererseits findet bei einem Großteil der Produkte eine stoffliche Vermischung statt, wodurch die Qualität und die absolute Menge der recycelten Rohstoffe nach und nach abnimmt. Letztendlich ist die heutige Recyclingwirtschaft damit nichts anderes als eine verlangsamte Linearwirtschaft – ganz nach dem Credo „Take – Make – Waste“.   

In einer echten Kreislaufwirtschaft hingegen sind alle Stoffkreisläufe geschlossen und es werden ausschließlich erneuerbare Energien eingesetzt. Abfall und Emissionen werden weitestgehend eliminiert. Zwar ist das Recycling ein Bestandteil dieses Konzept, aber es ist nur eines von drei Elementen entlang der Wertschöpfungskette: Ziel der Kreislaufwirtschaft ist es, zunächst die Nutzungsphase des Produkts durch Reparatur und Wartung zu maximieren. Ist eine Nutzung auch durch Reparaturen nicht mehr sinnvoll, folgt die nächste Phase, in der Produkte wiederhergestellt und erneut gebraucht werden. Erst, wenn dies nicht mehr möglich ist, folgt die letzte Stufe: das stoffliche Recycling.  

Die große Frage lautet: Wie erreichen wir als Wirtschaft und Gesellschaft diese Kreislaufwirtschaft?   

Kreislaufwirtschaft: Schlüsselelemente Unternehmenskultur und Produktentwicklung

Neben gesetzlichen Regulierungen und Leitlinien spielt unser Mindset eine wesentliche Rolle. Unternehmen müssen Nachhaltigkeit in ihrer Unternehmenskultur und in ihren Prozessen verankern. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Produktentwicklung. Denn rund 80 % des Umweltimpacts eines Produkts werden in den frühesten Phasen der Entwicklung festgelegt. Je früher Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft verankert werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, den negativen Umwelt-Impact der Produkte zu reduzieren oder gar einen positiven Impact zu generieren. Wir unterschieden drei Ansätze für eine nachhaltigere Produktentwicklung: 

  • Nachhaltiges Redesign: Das Geschäftsmodell bleibt weitgehend identisch, das Produkt wird aber iterativ nachhaltig weiterentwickelt. Ein Beispiel ist der Einsatz von rezyklierten Kunststoffen.   

  • Nachhaltige Produktinnovation: Es wird ein neues Produkt unter den Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit entwickelt, das Geschäftsmodell bleibt oft identisch. Ein Beispiel hierfür ist das Fairphone.  

  • Nachhaltige Produkt-Service-Systeme: Es wird eine komplett neues Ökosystem aus Geschäftsmodellen, Vertriebssystemen, Services, Hardware und Software entwickelt. Eine derart radikale Innovation bedingt eine vollständige Veränderung der Organisation. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist das Angebot „Light as a Service“ von Signify. Mehr zum Thema „radikale Innovation erfahren Sie in unserer Studie „Wie radikale Innovation gelingt“. 

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Vier Strategien auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft

Der Weg zur Kreislaufwirtschaft führt über einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess der Produkte und punktuelle Pilotprojekte, die nachhaltige Produktinnovation oder Produkt-Service-Systeme erreichen. So wird das gesamte Produktportfolio schrittweise in das nachhaltige Produkt-Service-System überführt.   

Es gibt vier strategische Ansätze, um die Nachhaltigkeit eines Produkts während seines Produktlebenszyklus im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu beeinflussen: 

  • Cycling: Materialien und Energie in Systemkreisläufen halten durch Wiederverwendung, Reparatur, Wiederaufarbeitung und Recycling. 

  • Extending: Verlängerung der Nutzungsphase des Produkts durch langlebiges Design, Modularisierung, Marketing, Wartung und Reparatur. 

  • Intensifying: Intensivierung der Nutzungsphase des Produkts durch Sharing-Economy-Lösungen. 

  • Dematerializing: Bereitstellung des Produktnutzens ohne Hardware durch Substitution mit Service- und Softwarelösungen. 

Wie können diese Strategien in der Praxis umgesetzt werden? Das zeigt z. B. unser Projekt mit IonField Systems. 

Praxisbeispiel: Cycling ermöglicht Reduktion des CO2-Fußabdrucks um 70 Prozent

In medizinischen Laboren entstehen große Mengen an Sondermüll, der nicht recycelt werden kann. Unser Kunde IonField Systems hat eine patentierte Plasmareinigungstechnologie entwickelt, mit deren Hilfe Labormaterialien wie Pipettenspitzen und Mikrotiterplatten aus Einweg-Kunststoff zuverlässig einer validierten Wiederverwendung zugeführt werden können. Allerdings stand IonField Systems vor der Frage, ob das von ihnen entwickelte Reinigungsverfahren wirklich nachhaltiger ist als der Einsatz von Einwegutensilien.  

Um diese Frage zu beantworten, führten wir ein Life Cycle Assessment (LCA) der bestehenden Anlage und der Prozesse durch. Eine solche Ökobilanz-Analyse empfiehlt sich grundsätzlich als ersten Schritt, um die Produkte mit dem größten Impact zu identifizieren und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Denn es werden alle Produkte analysiert. So wird schnell klar, welche Komponenten bzw. Materialien zu welchem Zeitpunkt, z. B. Fertigung, Transport, Nutzung oder Entsorgung, welchen Impact verursachen. Zudem können die Resultate eines Life Cycle Assessments längerfristig dazu verwendet werden, um nachhaltige Innovationen zu priorisieren und entsprechende Maßnahmen in die Entwicklung einfließen zu lassen – so auch in diesem konkreten Beispiel. 

Die LCA zeigte, dass das neue Verfahren den CO2-Fussabdruck der Labore um 10 bis 40 Prozent reduziert. Die Analyse diente zudem als Basis für ein Vergleichstool, das laborspezifische CO2-Reduktionswerte berechnen kann und so neben finanziellen und technischen auch ökologische Verkaufsargumente liefert. Und nicht zuletzt konnten durch die LCA Hotspots im Prozess identifiziert werden, die großes Potenzial zur Reduktion des Umweltimpacts haben. So zeigte sich, dass während der Nutzungsphase ein großer Impact durch die Reinigungsflüssigkeit entsteht. Mit der oben genannten Cycling-Strategie wurde ein nachhaltiges Redesign mit dem Fokus auf die Wiederverwendung der Reinigungsflüssigkeit durchgeführt, dass eine weitere Reduktion des CO2-Fußabdrucks um 70 Prozent zur Folge hatte. Alle Infos zum Projekt mit IonField Systems lesen Sie hier. 

Mit einem Circular-Economy-Mindset Schritt-für-Schritt zur erfolgreichen Transformation

Das Projektbeispiel verdeutlich noch einmal, auf welche Kernelemente es auf dem Weg zu einer erfolgreichen Kreislaufwirtschaft ankommt. Recycling darf nicht an erster Stelle stehen, der Fokus muss auf Reduce, Reuse, Repair, und Remanufacture liegen. Auch die Integration eines Nachhaltigkeits- bzw. Circular-Thinking-Mindsets in die Entwicklungsprozesse und eine entsprechende Kultur im Unternehmen sind entscheidend, um Produkte nachhaltig und kreislauffähig zu machen. Und nicht zuletzt ist es wichtig, die Transformation hin zur Kreislaufwirtschaft Schritt für Schritt und kontinuierlich voranzutreiben. Als sinnvoller erster Schritt kann dabei eine Standortbestimmung in Form von Life Cycle Assessments der meistverkauften Produkte dienen, auf deren Basis passende Maßnahmen erarbeitet werden können. 

Sie interessieren sich für eine Standortbestimmung Ihres Unternehmens oder haben Fragen zu konkreten Schritten Ihrer Transformation? Dann sprechen Sie mich gerne an.  

Ronny Hoffmann
Ansprechpartner für die Schweiz

Ronny Hoffmann

Expert Systems Engineer

Ronny Hoffmann ist Systems Engineer mit einer Leidenschaft für Design und Nachhaltigkeit. Er ist seit 2017 bei Zühlke und hat einen MSc in Engineering mit Spezialisierung in Business Engineering von der OST und einen BSc in ZFH Mechanical Engineering von der ZHAW. Ronny hat ein tiefes Verständnis für die Transformation der Kreislaufwirtschaft und nutzt dieses Wissen, um innovative und umweltfreundliche Lösungen für komplexe Herausforderungen zu entwickeln.

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