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Handel und Konsumgüter

Co-Interview: «Corona hat die Digitalisierung beschleunigt»

KundIn bestellt online Gemüse mit Smartphone
  • Corona-Krise hat die digitale Transformation im Direct-to-Consumer-Bereich beschleunigt
  • Implementierung von digitaler Transformation kann mittels technologiegetriebenen Ansatzes agil umgesetzt werden
  • Einheitliches Sprachverständnis von digitaler Transformation ist ausschlaggebend
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Die Nahrungsmittelbranche rückt aufgrund der Corona-Krise verstärkt in den Fokus und hat an Relevanz gewonnen.
Im Co-Interview sprechen Marcel Härtlein, Global Head Digital Transformation bei der Emmi Gruppe und Nadine Stoyanov, Principal Business Consultant bei Zühlke, über die Trends, Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation im Nahrungsmittelbereich.

Inwiefern hat die Corona-Krise die Digitalisierung im Nahrungsmittelbereich beeinflusst?

Marcel Härtlein: Die Corona-Situation hat den Trend zur Digitalisierung im Nahrungsmittelbereich beschleunigt. Oftmals fällt das Pendeln aufgrund des Home-Offices weg, wodurch die Berührungspunkte von Kunden mit dem stationären Handel minimiert wurden. Onlineshops rücken vermehrt in den Fokus. Dieser zusätzliche Touchpoint mit dem Kunden wird daher immer wichtiger, wodurch ein neuer Absatzmarkt generiert wird. Ausserdem wird ein weiterer Kanal geöffnet, um mit dem Kunden in Interaktion zu treten. Für uns als Emmi ist es wichtig, dass wir diese Chancen für uns frühzeitig erkennen und die Themen entsprechend besetzen können. 
 

Nadine Stoyanov: Die Corona-Krise hat sicherlich aufgezeigt, dass Unternehmen, welche bereits frühzeitig in die Digitalisierung investiert haben, nun auch einen Wettbewerbsvorteil vorweisen können. Fokussierung auf Innovationen und Digitalisierung verhelfen in diesem rasanten Wandel zu einer besseren Konkurrenzfähigkeit. 


Start-ups mit agilen Geschäftsmodellen finden sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung eventuell in einem Wettbewerbsvorteil. Wie geht die Emmi damit um?
 

Marcel Härtlein: Emmi hat sicherlich den Vorteil, dass wir auf ein robustes Geschäftsmodell zurückgreifen können. Dies birgt sowohl Chancen als auch Herausforderungen. Des Weiteren wurde Emmi als systemrelevantes Unternehmen für Grundnahrungsmittelversorgung eingestuft. Aufgrund unseres Geschäftsmodells ist die Dringlichkeit für Transformation nicht immer gleich gross wie bei anderen Unternehmen und Branchen. Unser Vorteil ist sicherlich, dass wir dank unserer guten Ausgangslage etwas mehr Spielraum haben, um Transformationsprozesse in verschiedenen Bereichen auszuprobieren. Im Fokus steht jedoch immer der Nutzen für den Endkonsumenten. Dank dieser starken Priorisierung rückt das Thema digitale Transformation natürlich automatisch in den Mittelpunkt. Unserer loyalen Kundschaft möchten wir zukünftig ein digitales Erlebnis bieten, welches über das eigentliche Produkt hinausgeht. Das erste Direct-to-Consumer-Erlebnis in unserem Heimmarkt Schweiz schaffen wir aktuell durch die Kaltbach Boutique.
 

Nadine Stoyanov: Eine gute Positionierung sowie eine starke Marke schaffen eine ideale Basis. Direct-to-Consumer war über die letzten Jahre vor allem in den USA ein Hype. Mit der Zeit hat man gemerkt, dass ein solches Vorhaben – ob hoch strategisch oder punktuell getestet – viel Geld kostet. Neue Kunden zu akquirieren ist aufwändig. Digitale Transformation sollte deshalb als entsprechender Punkt auch bei gut etablierten Unternehmen auf der Agenda stehen, damit nicht nur Start-ups agil auf gewisse Trends wie zum Beispiel «Subscription Based Products» reagieren können. Bestehende Unternehmen haben einen riesigen Vorteil gegenüber Start-ups: Sie haben eine grosse Kundenbasis und Vertriebskanäle, die sie nutzen können, um diese Kundenbasis zu erreichen und somit mit der Zeit auszubauen. 

Hat die Corona-Krise das Thema «E-Commerce» resp. «Direct-to-Consumer» für Emmi in den Vordergrund gedrängt?
 

Marcel Härtlein: Auf jeden Fall ist die Dringlichkeit für das Thema deutlich gestiegen. Entscheidungen und Integrationen über neu zu besetzende Touchpoints, werden bei uns immer unter Einbezug der Customer Journey getroffen und nicht aufgrund eines reinen Markttrends. Dies zeigt sich spezifisch an dem Beispiel der Kaltbach Boutique. Wir sahen eine Lücke zwischen dem Kundenbesuch in der Kaltbach Höhle vor Ort und dem Griff in das Kühlregal beim stationären Handel. Dank der bestehenden Distributionskanäle konnten wir die vertikale Wertschöpfungskette zum Endkonsumenten rasch erweitern. 
 

Nadine Stoyanov: Der Wandel vom stationären Handel zum Direct Marketing und E-Commerce wird in der Konsumgüterbranche in den nächsten Jahren ein wichtiger Pfeiler für die Ausrichtung von Unternehmen sein. Dabei werden vertikale oder horizontale Integrationen von Wertschöpfungsketten je länger je mehr eine ausschlaggebende Rolle spielen, um Kunden entlang ihrer Customer Journey zu begleiten- ganz im Sinne einer Omni-Channel-Strategie. Der Detailhandel konnte bereits Erfahrungen damit sammeln und es zeigt sich, dass es machbar ist, das Kundenerlebnis mit einer kanalübergreifenden Touchpoint-Strategie ohne Medienbrüche zu gestalten. 

Marcel Härtlein

Marcel Härtlein ist seit 2017 Global Head of Digital Transformation bei der Emmi Gruppe. Davor war er sieben Jahre in verschiedenen Führungsfunktionen bei KPMG Schweiz tätig. Marcel Härtlein ist unter anderem für die Global Digital Consumer Experience Strategie der Emmi Gruppe verantwortlich, die mittlerweile zu den Vorreitern in diesem Bereich gehört.

portrait of Marcel Härtlein, Global Head Transformation at the Emmi Group

Wie spielen externe Partner im Bereich der digitalen Transformation für Emmi eine Rolle?
 

Marcel Härtlein: Externe Partner können im ersten Schritt vor allem als neutrale Instanz und Impulsgeber eine wichtige Rolle spielen. Intern jeweils eine starke Position einzunehmen, bietet Angriffsfläche. Hier können externe Partner potentielle Themen in den Fokus rücken und intern helfen die Prozesse zu initiieren. Dabei geht es auch um eine Aussenmarktansicht, Erfahrungswerte und sicherlich auch Expertenwissen in den jeweiligen Themen. Intern fehlt es oftmals an Zeit sowie Ressourcen für die nötige Markt- wie auch Konkurrenzanalyse.
 

Wo steht die Schweiz im Bereich digitaler Transformation?
 

Marcel Härtlein: Grundsätzlich ist die Schweiz bei Innovationsthemen in einer Vorreiterrolle, dies zeigt auch das Ranking als eines der innovativsten Länder weltweit. Beim Begriff digitale Transformation verfügen wir aber noch nicht über ein einheitliches Sprachverständnis. Es geht nicht nur darum, analoge Prozess zu digitalisieren. Digitale Transformation ist eine Denkweise, von neuen Fähigkeiten bis hin zu einem erweiterten Verständnis von Geschwindigkeit und Führung. Digitale Transformation soll ein Investment in die Zukunft sein. Ich sehe die Digitalisierung als einen optimistischen Ansatz, welcher keine Ängste schaffen sollte, sondern neue Chancen in sich birgt.
 

Nadine Stoyanov: Das Wort Transformation ist sehr gross und viele verstehen etwas anderes darunter. Zum Teil nimmt es sogar fast esoterische Züge an. Der Ansatz von Marcel Härtlein gefällt mir, denn Transformation besteht aus vielen verschiedenen Rädchen, die in Einklang gebracht werden müssen: Strategie, Management-Systeme, Kollaboration, Arbeitsweisen sowie Mindset und Kultur. Dies benötigt viel Energie und strategischen Biss. Digitalisierung sollte nicht als Religion verstanden werden. Digitalisierung hat mit operativen Adaptionen wie auch strategischen und analytischen Entscheidungen zu tun. 

Nadine Stoyanov
Ansprechpartner für die Schweiz

Nadine Stoyanov

Leiterin Retail & Consumer Goods

Nadine Stoyanov ist seit April 2018 bei Zühlke und hat in ihrer bisherigen Laufbahn sowohl strategische als auch operative Erfahrungen im Retail-Umfeld sammeln können - vom Technologie Start-up bis zum Grossunternehmen. Als Leiterin Retail & Consumer Goods bei Zühlke Schweiz verantwortet sie den strategischen Aus- und Aufbau innerhalb der Konsumgüter- und Detailhandels-Branche. Nadine Stoyanov teilt als Expertin regelmässig ihr Knowhow in unterschiedlichen Thought-Leadership-Formaten.

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