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Industrie

Wie sich die Produktentwicklung verändert, wenn Produkte zu cyber-physikalischen Systemen werden

Industrieprodukte entwickeln sich zu cyber-physikalischen Systemen. Von Medizintechnik bis Fertigungsanlagen entstehen Wettbewerbsvorteile heute nicht mehr allein durch die physische Leistung eines Produkts, sondern durch das Zusammenspiel von Hardware, Software, Konnektivität, Daten und KI.

22. Mai 20265 Minuten Lesezeit
Mit Insights von
  • Réka Leisztner

    Principal Consulting Manager
  • Thomas Weber

    Director Systems Consulting

Für viele Unternehmen bringt das grundlegende Herausforderungen mit sich. Teams arbeiten weiterhin in Silos, Software gilt noch immer als unterstützende Funktion statt als strategischer Treiber, und die Integration erfolgt erst spät im Entwicklungsprozess. Die Folgen sind steigende Komplexität, langsamere Entwicklungszyklen und enttäuschende Nutzererlebnisse.

Im ersten Artikel unserer Serie zu cyber-physikalischen Systemen haben wir untersucht, was dieser Wandel für Industrieunternehmen bedeutet: wie der Übergang von physischen Produkten zu integrierten digitalen Ökosystemen die Wertschöpfung verändert, Wettbewerbsvorteile neu definiert und Produkte grundlegend transformiert.

Doch wenn Produkte zu vernetzten Systemen werden, muss sich auch ihre Entwicklung verändern. In diesem zweiten Artikel zeigen wir, wie cyber-physikalische Systeme die Produktentwicklung neu prägen und warum ihre Umsetzung einen anderen Engineering-Ansatz erfordert. 

Engineers reviewing industrial system and machine component

Insight

Vom Produkt zu stetigem Mehrwert: Wie Sie Ihre Erfahrung zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil machen

Die Grundlagen des Wettbewerbs in den Industriesektoren verändern sich. Erfolg hängt nicht mehr allein von Hardware ab, sondern davon, wie effektiv Unternehmen cyber-physische Systeme entwickeln.

Mehr erfahren

Wenn Produkte zu Systemen werden, muss sich ihre Entwicklung verändern

Bei klassischen Industrieprodukten entsteht Wert vor allem durch die Leistungsfähigkeit einzelner physischer Komponenten: die Präzision eines Lagers, das Drehmoment eines Motors oder die Robustheit eines Gehäuses. Engineering-Exzellenz zeigt sich darin, wie gut diese Komponenten entwickelt und gefertigt werden.

Cyber-physikalische Systeme verändern diese Logik grundlegend. Wettbewerbsvorteile entstehen hier nicht mehr in einzelnen Komponenten, sondern im Zusammenspiel von Software, Konnektivität, Daten und Nutzendenerlebnis. 

Keine einzelne Komponente schafft allein Mehrwert, sondern das System selbst wird zum Produkt.

Einige Beispiele aus der Industrie

Tesla

Ein Tesla verdeutlicht diesen Wandel besonders gut. Sein Wert entsteht nicht allein durch Motor oder Batterietechnologie, sondern durch die Integration von Fahrzeugplattform, Batteriemanagementsystem, Over-the-Air-Software, Autopilot-Stack und Nutzeroberfläche.

Ohne dieses Zusammenspiel würde ein wesentlicher Teil der Differenzierung verloren gehen.

Hilti

Auch die kabellose Werkzeugplattform Nuron von Hilti zeigt diesen Wandel in der industriellen Fertigung. Entscheidend sind nicht nur die Werkzeuge selbst, sondern das vernetzte Ökosystem dahinter: intelligente Akkus, Flottenmanagement, Nutzungsanalysen, Predictive Maintenance und integrierte Software-Services.

Kund:innen kaufen heute keine isolierten Geräte mehr, sondern ein vernetztes Betriebsökosystem. 

Damit verändert sich die Grundlage des Wettbewerbs. Hersteller können weiterhin herausragende Hardware entwickeln und dennoch Marktanteile verlieren, wenn Wettbewerber bessere Systemintegration, schnellere Softwareentwicklung oder überzeugendere digitale Erlebnisse bieten.

Für Nutzer:innen ist der Unterschied zwischen einer stimmigen Lösung und einem fragmentierten Produkt sofort erkennbar. Gut entwickelte Systeme fühlen sich nahtlos an: Physische und digitale Kontaktpunkte ergänzen sich, Abläufe sind intuitiv und Updates verbessern die Lösung kontinuierlich. Fragmentierte Produkte hingegen erzeugen Reibung durch getrennte und inkonsistente digitale Schnittstellen.

Wenn der Mehrwert aus dem Gesamtsystem entsteht, reicht isoliertes Komponenten-Engineering nicht mehr aus. Industrieunternehmen müssen deshalb nicht nur ihre Produkte neu denken, sondern auch die Art und Weise, wie sie diese entwickeln. 

Die Entwicklung braucht einen neuen Standard

Ein zentraler Wandel bei cyber-physikalischen Systemen besteht darin, dass Produktentwicklung nicht mehr mit dem Launch endet.

Klassische Hardwareprodukte folgten einem linearen Lebenszyklus. Ein Produkt wurde entwickelt, zu einem festen Zeitpunkt veröffentlicht, über Service-Updates schrittweise verbessert und später durch die nächste Generation ersetzt. Weil die Funktionalität nach dem Launch weitgehend stabil blieb, konnten Entwicklungsprozesse über sequenzielle Übergaben zwischen Disziplinen und späte Integration funktionieren.

Cyber-physikalischen Systeme stellen diese Annahmen infrage. Sie sind nie wirklich fertig entwickelt. Software-Updates erweitern ihre Funktionen, Betriebsdaten machen neue Verhaltensmuster sichtbar und KI-Modelle bringen neue autonome Funktionen hervor.

Weil sich Produkte nach der Einführung kontinuierlich weiterentwickeln, geraten traditionelle Entwicklungsmodelle zunehmend an ihre Grenzen. Sequenzielle Übergaben zwischen Teams werden fragiler, da Entscheidungen in einem Bereich Auswirkungen auf das gesamte System haben. Mit wachsender Komplexität treten bei der Integration Schnittstellenprobleme und versteckte Abhängigkeiten zutage, die sich früh nur schwer erkennen lassen. Je später diese Probleme sichtbar werden, desto teurer und aufwendiger wird ihre Behebung.

Entwicklung verlagert sich damit von der Bereitstellung fertiger Produkte hin zum Management sich kontinuierlich verändernder Systeme. Dadurch werden mehrere Entwicklungspraktiken unverzichtbar: 

Produktmanagement wird iterativ statt rein spezifikationsgetrieben

Engineering beginnt mit Systemergebnissen statt mit isolierten Komponenten

Nutzendenfeedback fließt frühzeitig ein und begleitet die gesamte Entwicklung

Interdisziplinäre Teams ersetzen weniger effektive abteilungsorientierte Organisationen

Entwickler:innen optimieren das Verhalten des Gesamtsystems statt einzelner Komponenten

Hardwareplattformen müssen so ausgelegt sein, dass sie zukünftige Softwarefunktionen über Jahre hinweg unterstützen können

Architektur wird wichtiger denn je

Traditionelle Produktentwicklung beginnt mit einzelnen Komponenten und integriert diese zu einem fertigen Produkt. Die Entwicklung cyber-physikalischer Systeme startet dagegen mit dem gewünschten Ergebnis und entwickelt das System gezielt darauf hin. Wenn Mehrwert durch Systemverhalten entsteht, wird Architektur zur zentralen Disziplin statt zu einem technischen Hintergrundthema.

In der Praxis wird Architektur zu einem der entscheidenden Faktoren dafür, ob sich Produkte langfristig erfolgreich weiterentwickeln oder in wachsender Komplexität versinken. Dafür braucht es klare Verbindungen zwischen Nutzendenbedürfnissen, Systemanforderungen und Implementierungsentscheidungen, damit Funktionalität, Zielkonflikte und Kosten über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg aufeinander abgestimmt bleiben.

Damit diese Weiterentwicklung möglich wird, müssen Architekturen Folgendes leisten:

  • klare Nachvollziehbarkeit von Geschäftszielen bis zu Systemanforderungen
  • Schnittstellen, die Teams und Subsystemen unabhängige Weiterentwicklung ermöglichen
  • modulare Funktionen, die sich zu kundenseitigen Features kombinieren lassen
  • geringe Kopplung zwischen Subsystemen und starke Kohärenz innerhalb dieser Systeme 

Diese Prinzipien ermöglichen es interdisziplinären Teams, unabhängig zu arbeiten und gleichzeitig die Konsistenz des Gesamtsystems sicherzustellen. Fehlen diese Grundlagen, verlangsamt sich die Integration, Abhängigkeiten nehmen zu und Produktänderungen lassen sich immer schwerer zuverlässig umsetzen. Teams, die eine solide Systemarchitektur zugunsten vermeintlicher Geschwindigkeit umgehen, stolpern später oft über steigende Kosten, Integrationsprobleme und geringere Reaktionsfähigkeit auf veränderte Marktanforderungen. 

Architektur bildet deshalb die Grundlage für nachhaltige Anpassungsfähigkeit und langfristige Integration. Je stärker Systeme softwaredefiniert werden, desto wichtiger werden Technologien wie KI für Produktfunktionen, Verhalten und Nutzererlebnis. 

Welche Rolle spielt KI dabei?

KI verstärkt viele der Veränderungen, die cyber-physikalische Systeme bereits heute prägen. Entscheidend ist: Mehrwert entsteht nicht durch einzelne KI-Funktionen, sondern durch das koordinierte Verhalten des gesamten Produkts.

Ein Modell zur Anomalieerkennung schafft beispielsweise nur dann echten Nutzen, wenn es auf die richtigen Sensordaten zugreifen kann, in Wartungsprozesse integriert ist und die passende physische Reaktion auslöst. Dafür braucht es eine robuste Systemarchitektur, nahtlose Integration zwischen Komponenten und ein klares Verständnis dafür, wie das Gesamtsystem reale Kundenprobleme löst. Unternehmen, die KI lediglich als isoliertes Software-Feature betrachten, stellen häufig fest, dass genau diese Grundlagen fehlen.

Die Entwicklung KI-gestützter Produkte beginnt deshalb mit den gewünschten Ergebnissen statt mit einzelnen Features. Da zukünftige Anforderungen grundsätzlich unsicher bleiben, müssen Unternehmen Veränderungen bei Nutzer:innen, Märkten und Betriebsumgebungen frühzeitig mitdenken.

Das wird umso wichtiger, je schneller sich KI-Technologien weiterentwickeln. Unternehmen können nicht mehr davon ausgehen, dass Softwarefunktionen über lange Hardwarelebenszyklen stabil bleiben. Produkte benötigen zunehmend Architekturen, die zukünftige KI-Funktionen aufnehmen können. Selbst, wenn diese heute noch gar nicht vollständig existieren.

KI verändert zudem die Entwicklung intelligenter Systeme selbst. Richtig eingesetzt unterstützt sie Systems Engineering durch automatisierte Konsistenzprüfungen, Architektur-Reviews, Abhängigkeitsanalysen und Bewertungen von Integrationsrisiken. Wenn Systembeziehungen klar definiert sind, kann KI Gegenmaßnahmen vorschlagen und Plausibilitätsprüfungen über Anforderungen und Implementierungsebenen hinweg durchführen.

Trotz des rasanten technologischen Fortschritts betrachten viele Unternehmen KI und cyber-physikalische Systeme noch immer mit veralteten Entwicklungsmodellen. Langfristig wird genau diese Diskrepanz zu einem wachsenden Wettbewerbsrisiko. 

Die sechs häufigsten Fehler in der Praxis von Industrieunternehmen

Während moderne Industrieprodukte zunehmend softwaredefiniert werden, arbeiten viele Unternehmen weiterhin mit Entwicklungsansätzen aus einer anderen Zeit. Dabei zeigen sich immer wieder dieselben Muster.

Digitale Funktionen ohne Systemdenken ergänzen

Viele Unternehmen ergänzen Software und Konnektivität, ohne das zugrunde liegende System neu zu gestalten. Das Ergebnis ist häufig ein mechanisches Produkt mit aufgesetzten digitalen Funktionen, statt eines intelligenten End-to-End-Systems.

Software als Zusatz behandeln

In vielen Unternehmen wird das Hardwaredesign noch immer festgelegt, bevor Softwareanforderungen stabil definiert sind. Bei cyber-physikalischen Systemen beeinflussen sich Hardware und Software jedoch gegenseitig und müssen sich gemeinsam über die Systemarchitektur weiterentwickeln. 

Mit Hardware statt mit Systemwert beginnen

In vielen Projekten entsteht zuerst ein Hardware-Blockdiagramm. Nutzendenbedürfnisse und Kundennutzen werden oft erst spät über Anforderungsdokumente berücksichtigt, die kaum jemand tatsächlich nutzt. Dadurch spiegeln Architekturen häufig eher wider, was Teams bauen können und nicht, was Kund:innen wirklich benötigen. 

Spezifikationen zu früh festschreiben

Produktspezifikationen müssen irgendwann stabilisiert werden. Während der Entwicklung müssen agile Teams jedoch zunächst auf die gewünschten Systemfunktionen fokussieren. Das kann bedeuten, dass Leiterplatten oder mechanische Komponenten zwischenzeitlich noch unvollständig bleiben. 

Systemintegration als späte Projektphase betrachten

Lücken in Design- und Schnittstellenspezifikationen treten bei der interdisziplinären Integration zwangsläufig auf. Je komplexer die Schnittstellen, desto schwieriger und zeitintensiver wird die Integration. Kontinuierliche Systemintegration ist deshalb entscheidend, um Risiken früh zu reduzieren und Komplexität beherrschbar zu halten. 

Diagramme ändern statt Denkweisen

Agile Entwicklung in komplexen Systemen erfordert Systemdenken, den Umgang mit Unsicherheit und eine Kultur, die Fehler als Lernchance begreift. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diesen Wandel in Entwicklungsteams zu ermöglichen, die jahrzehntelang in Silos gearbeitet haben. 

Die wichtigsten Erkenntnisse: Was Sie jetzt tun können

Für Unternehmen und Produktorganisationen, die komplexe Systeme entwickeln, geht es nicht mehr darum, ob sie sich anpassen müssen, sondern wie schnell sie diesen Wandel bewältigen. Fünf Prioritäten sind dabei entscheidend. 

1. Nutzendenbedürfnisse vor Skalierung verstehen

Erfolgreiche Produkte lösen das richtige Problem, sie sind nicht nur technisch ausgereift. Nutzerbedürfnisse sollten frühzeitig und kontinuierlich durch Forschung und Tests validiert werden, bevor Unternehmen in groß angelegte Entwicklung investieren. 

2. Systemdenken von Anfang an anwenden

Komplexe Produkte sollten nicht als isolierte Lösungen betrachtet werden, sondern als Teil eines größeren Ökosystems. Systemdenken hilft Teams dabei, Abhängigkeiten, Zielkonflikte, Schnittstellen und Auswirkungen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg zu verstehen. Dadurch lassen sich bessere Entscheidungen auf Systemebene über den gesamten Produktlebenszyklus treffen. 

3. Eine wirklich agile Organisation aufbauen

Agilität entsteht nicht allein durch Sprints und Retrospektiven. Erfolgreiche Organisationen setzen auf kontinuierliches Lernen, schnelles Feedback und Wertschöpfung über den Plan-Do-Check-Act-Zyklus. Dafür braucht es eine passende Fehlerkultur: Experimente müssen möglich sein, Kreativität wertgeschätzt werden, Risiken früh sichtbar werden und Lernen muss in Führung und Entwicklung gleichermaßen verankert sein. 

4. Kontinuierlich integrieren und validieren

Continuous Integration ermöglicht es Teams, Produktverhalten und Kundennutzen frühzeitig und regelmäßig zu überprüfen. Statt auf eine späte Integrationsphase zu warten, sollten Unternehmen Entwicklungsergebnisse laufend zu testbaren Systemfunktionen zusammenführen. Das erfordert sowohl technische Disziplin als auch Unterstützung durch das Management. 

5. KI gezielt einsetzen und mitdenken

KI verändert Produkte und Produktentwicklung mit hoher Geschwindigkeit. Unternehmen sollten deshalb Systeme und Architekturen entwickeln, die sich an neue KI- und Hardwarefähigkeiten anpassen können und bereits heute KI-Werkzeuge nutzen, um Engineering zu unterstützen, Produktivität zu steigern, Entscheidungen zu beschleunigen und Innovation voranzutreiben. 

Industrieunternehmen haben ihre Entwicklung über Jahrzehnte auf Vorhersagbarkeit, Stabilität und Exzellenz einzelner Komponenten optimiert. Cyber-physikalische Systeme bringen grundlegend andere Anforderungen mit sich: Produkte entwickeln sich kontinuierlich weiter, Abhängigkeiten verändern sich dynamisch und Mehrwert entsteht zunehmend durch das Verhalten des Gesamtsystems statt durch isolierte Komponenten.

Die eigentliche Transformation ist deshalb nicht nur technologisch, sondern organisatorisch. Der Aufbau cyber-physikalischer Systeme erfordert Entwicklungsmodelle, die auf iterative Anpassung ausgelegt sind und nicht auf stabile, voneinander getrennte Produkte.

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