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Energiewirtschaft & Versorgung

So schaffen Sie intern Akzeptanz für Investitionen in digitale Resilienz in der Energiebranche

Erfahren Sie, wie Sie angesichts wachsender Cyberrisiken, zunehmender Komplexität von Energiesystemen und regulatorischer Anforderungen eine klare und belastbare Grundlage für Investitionen in digitale Resilienz schaffen.

27. Mai 20264 Minuten Lesezeit
Mit Insights von
  • Daniel Clauss

    Head of Energy
  • Dr. Elena Monastyrnaya

    Head of Sustainability Transformation

Führungskräfte in der Energiebranche stellen die Bedeutung von Resilienz selten infrage. Extreme Wetterereignisse, Dezentralisierung, Cyberrisiken und regulatorischer Druck machen den Handlungsbedarf offensichtlich. Die zentrale Frage für Energieversorger lautet heute nicht mehr, ob investiert werden sollte, sondern wo genau und wie die Organisation hinter den richtigen Prioritäten vereint werden kann. 

Genau diese Abstimmung erweist sich jedoch als die grössere Herausforderung – und sie wird zunehmend dringlicher. Europas Stromnetz zählt zwar weiterhin zu den zuverlässigsten der Welt, mit einer durchschnittlichen Ausfallzeit von rund 54 Minuten pro Kunde und Jahr. Doch diese Leistung gerät zunehmend unter Druck. 

Der CrowdStrike-Vorfall im Jahr 2024, bei dem ein einzelnes fehlerhaftes Software-Update weltweit Auswirkungen auf zahlreiche Branchen hatte, verdeutlichte eine neue Risikokategorie: digitale Abhängigkeiten, die kaum jemand vollständig erfasst oder gar Belastungstests unterzogen hatte. Kritische Abhängigkeiten von internationalen Hyperscalern, konzentrierte Lieferantenstrukturen und nicht auditierte Software-Lieferketten zählen heute ebenso zu den realen operativen Risiken wie Stürme oder Netzstörungen. 

Genau an diesem Punkt wird digitale Resilienz nicht nur wichtig, sondern unverzichtbar. Die Werkzeuge, die Betreibern Echtzeit-Transparenz über den Zustand der Infrastruktur, Frühwarnungen bei Systemstress und schnellere Wiederherstellung nach Ausfällen ermöglichen, sind zunehmend digitale Technologien. Dennoch geraten Investitionen in digitale Resilienz regelmässig ins Stocken. Vorschläge landen als isolierte IT-Projekte auf dem Tisch des Vorstands. Risikoanalysen bleiben in Silos. Der Return on Investment wirkt weit entfernt und hypothetisch. 

Um voranzukommen, brauchen Organisationen einen Ansatz, der Energie-Resilienz mit gezielten digitalen Investitionsentscheidungen verbindet – messbar, priorisiert und umsetzbar. Genau hier wird ein strukturiertes Resilienzmodell wertvoll.

“Eine Investition in Resilienz ist keine Investition in die Vermeidung aller Ereignisse. Sie ist eine Investition in Fähigkeiten, die begrenzen, wie tief man fällt und wie schnell man sich erholt.”

Elena Monastyrnaya profile picture
Dr. Elena Monastyrnaya

Head of Sustainability Transformation, Zühlke

Die Resilienzkurve

Ein wirkungsvolles Instrument, um die Diskussion über digitale Investitionen neu auszurichten, ist ein strukturiertes Resilienzmodell – insbesondere die sogenannte Resilienzkurve.

Die Kurve beschreibt, wie sich ein System im Zeitverlauf verhält, wenn eine Störung auftritt. Sie umfasst mehrere Phasen:

  • Robustheit: Die Phase vor einem Ereignis, in der die Organisation frühe Warnsignale erkennen und präventive Massnahmen ergreifen kann.
  • Reaktion: Der Moment der Auswirkung, in dem das System den Schock absorbiert. Tiefe und Geschwindigkeit des Leistungsabfalls spiegeln wider, wie robust das System vorbereitet war.
  • Wiederherstellung: Die Phase, in der das System zum Normalzustand zurückkehrt – oder im Idealfall in einen verbesserten Zustand übergeht.

Um zu sehen, wie sich dies in der Praxis auswirkt, betrachten wir einmal, wie die einzelnen Phasen für einen Netzbetreiber aussehen, der mit einem Problem an der physischen Infrastruktur konfrontiert ist. Swissgrid, die Schweizer Übertragungsnetzbetreiberin, beschreibt detailliert den Übergang von manuellen Inspektionen zu autonomen Drohnenflügen. 

Im Inspektionsprozess ist das Ziel, frühe Anzeichen von Verschleisserscheinungen zu erkennen . Die Komponente ist noch nicht ausgefallen, steuert aber darauf zu. Wie es weitergeht, hängt vollständig davon ab, wie schnell das Problem erkannt, eskaliert und behoben wird.

Die Inspektionsergebnisse müssen übermittelt und Schäden bewertet werden. Drohnenbasierte Inspektionen können oft durchgeführt werden, während die Leitung in Betrieb bleibt, und eine frühzeitige Erkennung kann sogar dazu beitragen, spätere Ausfälle zu vermeiden.

Drohnenbasierte Inspektionen beseitigen das Risiko eines Komponentenausfalls nicht. Sie verkürzen jedoch die Zeitspanne an beiden Enden des Prozesses. Probleme werden früher und präziser erkannt als bei Bodeninspektionen, wodurch weniger Vorfälle zu ungeplanten Ausfällen eskalieren. Das ist die Phase der Robustheit. Wird ein Fehler erkannt, verfügt das Team bereits über hochauflösende Bilder, Standortdaten und Zustandsinformationen. Diagnose und Einsatzplanung erfolgen schneller – das ist die Wiederherstellungsphase. Dieselbe Investition stärkt somit gleichzeitig mehrere Phasen der Resilienzkurve.

“Resilienz bedeutet, Unsicherheiten zu verringern, indem man anhand zuverlässiger Informationen zeitnahe und fundiertere Entscheidungen trifft. Genau hier bieten drohnengestützte Inspektionen einen Mehrwert – sie liefern frühzeitigere und zuverlässigere Erkenntnisse über den Zustand der Anlagen.”

Mireia Roca Riu
Mireia Roca Riu

Principal Specialist Research & Digitalisation, Drone-Based Inspections, Swissgrid

Ein häufiger Fehler besteht darin, sämtliche Resilienz-Investitionen ausschliesslich auf Robustheit auszurichten – in der Annahme, dass die Kurve nie absinkt, wenn nur genug überwacht und verhindert wird. In der Praxis ist das selten erreichbar und oft nicht einmal das richtige Ziel. 

Die entscheidendere Frage lautet: Welche Fähigkeiten liefern über eine Vielzahl realistischer Szenarien hinweg den grössten Nutzen? Für Swissgrid lautete die Antwort nicht einfach „mehr inspizieren“, sondern „bessere Daten schneller verfügbar machen, damit die gesamte Reaktionskette effizienter wird“.

Mehr über den Einsatz autonomer Drohnen bei Swissgrid erfahren

Von Diskussion zu Alignment: Praktische Schritte

Basierend auf dem oben beschriebenen Modell folgen hier konkrete Schritte, um intern Zustimmung für Investitionen in digitale Resilienz zu schaffen.

Definieren Sie, was geschützt werden soll

Welche kritische Funktion muss Ihre Organisation unter allen Umständen aufrechterhalten – messbar und konkret? Für einen Verteilnetzbetreiber könnte dies beispielsweise die Versorgungskontinuität kritischer Infrastrukturkunden sein, ausgedrückt durch einen maximal zulässigen SAIDI-Wert. Die Antwort kann nicht „alles“ lauten. Ist sie zu allgemein, lässt sich der Investitionsbedarf nicht quantifizieren – und die Diskussion kommt nicht voran. 

Identifizieren Sie realistische Belastungsszenarien

Welche Ereignisse oder Bedingungen könnten diese Funktion gefährden? 
Für Energieunternehmen zählen dazu typischerweise extreme Wetterereignisse (Stürme, Hitze, Überschwemmungen), Cyberangriffe oder geopolitische Entwicklungen mit Auswirkungen auf digitale Infrastruktur.

Erstellen Sie eine Matrix, die jede Bedrohung mit ihren potenziellen Auswirkungen auf die kritische Funktion verknüpft. Das macht die Diskussion konkret und deutlich überzeugender als ein abstraktes Risikoregister. 

Finden Sie die kritischen Schwachstellen

Ein System ist nur so resilient wie sein schwächstes Glied. Sobald klar ist, welche Fähigkeiten entscheidend sind, sollte bewertet werden, wo aktuelle Investitionen oder operative Prozesse unzureichend sind. Diese Lücken definieren die Investitionsprioritäten – nicht, weil sie die spannendsten Technologien darstellen, sondern weil ihre Schliessung den grössten Einfluss auf die zu schützende Funktion hat. 

Bei Swissgrid gewann das Drohnenprojekt intern an Unterstützung, als es nicht mehr als Technologieinitiative, sondern als direkte Antwort auf bekannte operative Risiken positioniert wurde.

Definieren Sie die erforderlichen Fähigkeiten

Leiten Sie aus der Resilienzkurve ab, welche Fähigkeiten – etwa Überwachung und Früherkennung, Absorptionsfähigkeit oder Wiederherstellungsgeschwindigkeit – erforderlich sind, um die identifizierten Schwachstellen und Szenarien zu adressieren. 
Nicht jede Fähigkeit ist für jedes Szenario gleich relevant. Ein Erdbeben erfordert beispielsweise andere Investitionsentscheidungen als ein lokaler Lieferkettenausfall.

Verankern Sie Ihre Argumentation in messbaren Vergleichen

Zu oft bleiben Resilienz und Risikomanagement reine Compliance-Themen, reduziert auf Checklisten, die regulatorische Anforderungen erfüllen, aber keine operative Verbesserung bewirken. An diesem Punkt muss sich der Fokus von Compliance hin zu gezielten Interventionen verschieben. 

Sobald die wichtigsten Lücken identifiziert und erste Initiativen definiert sind, stellt sich die Frage, wie diese so präsentiert werden können, dass sie auf Entscheidungsebene Vertrauen schaffen. 

Bei Swissgrid änderte sich die interne Diskussion durch einen direkten Vergleich: traditionelle Inspektionen versus drohnenbasierte Ansätze – gemessen anhand von Sicherheitsrisiken und Datenqualität. Es handelte sich nicht um einen Technologie-Pitch, sondern um einen greifbaren Vorher-Nachher-Vergleich, der die operativen Vorteile sichtbar machte. Erste Pilotresultate sowie Beispiele anderer Organisationen, die denselben Wandel erfolgreich vollzogen hatten, stärkten die Argumentation zusätzlich.

“Jeder Netzbetreiber wird sagen, dass Versorgungssicherheit nicht verhandelbar ist. Aber nicht verhandelbar bedeutet nicht unbegrenzte Investitionsbudgets. Die Organisationen, die erfolgreich in Resilienz investieren, sind diejenigen, die diese Einschränkung ehrlich anerkannt und ihre Strategie darauf aufgebaut haben.”

Daniel Clauss

Head of Energy, Zühlke

Das richtige Alignment schaffen

Die Energiebranche steht vor einem Jahrzehnt erheblicher Investitionen in Netzresilienz. Erfolgreich werden nicht zwangsläufig jene Organisationen sein, die über die grössten Budgets verfügen, sondern jene, die intern ein gemeinsames Verständnis für eine zentrale Frage geschaffen haben: Was genau versuchen wir zu schützen – und was kostet es uns, wenn wir scheitern? 

Die Resilienzkurve schafft dafür eine gemeinsame Sprache. Sie verbindet operative Risiken mit Investitionsentscheidungen auf eine Weise, die konkret genug ist, um daraus Massnahmen abzuleiten. 

Wenn Ihre Organisation aktuell ähnliche Fragestellungen bearbeitet – von der Analyse von Schwachstellen über die Argumentation für digitale Investitionen bis hin zur Priorisierung geeigneter Technologien – sprechen Sie gerne mit unserem Team. 

Bei Zühlke unterstützen wir Unternehmen dabei, den Return on Investment in digitale Resilienz zu maximieren und die richtigen Technologien an der richtigen Stelle auszuwählen und umzusetzen.

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