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Integrative Software: Warum barrierefreie Softwareentwicklung so wichtig ist – für Mensch und Business

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Software-Teams können, indem sie sich Barrierefreiheit auf die Fahne schreiben, sich hierzu kompetent beraten lassen und sie als zentralen Bestandteil in ihre Code Reviews aufnehmen, ihre Lösungen für alle besser machen, die Lebensqualität ihrer Anwenderinnen und Anwender steigern – und nicht zuletzt selbst davon profitieren.

Darüber, das Barrierefreiheit aus ethischen Gründen geboten ist, herrscht Einigkeit, und die Unternehmen werben gerne mit Maßnahmen, die sie in dieser Hinsicht ergriffen haben.

Wenn wir aber doch wissen, dass sie richtig und wichtig ist – warum ist Barrierefreiheit noch immer kein integraler Bestandteil der Softwareentwicklung?

Zum Teil mag es daran liegen, dass wir falsch an das Thema herangehen. Auf der Webseite von Open Inclusion heißt es: „Arbeite nicht bloß eine Checkliste ab. Frage echte Menschen nach ihren Bedürfnissen bei der Anwendung. Tu das Richtige aus Überzeugung.“

Unternehmen aller Branchen wissen, dass die Benutzerfreundlichkeit (User Experience, UX) ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal auf dem Markt ist.

So berichtet Amazon Web Services im Comprehensive Guide to the ROI of UX, dass 88 % der Online-Konsumenten nach einer negativen Erfahrung seltener auf eine Website zurückkehren. Derselbe Bericht kommt zu dem Schluss, dass „eine gute UX den Unterschied zwischen den Gewinnern und den Verlierern in der Kategorie ausmacht.“

Doch nur wenige Unternehmen schlagen die Brücke zwischen UX und Barrierefreiheit. Letztere wird nur selten als Möglichkeit erkannt, sich in einer bestimmten Kategorie zu profilieren, und leider zu oft als Ressourcenaufwand mit begrenztem erkennbarem Nutzen abgetan.

Es mangelt an Aufklärung; viele haben keine Vorstellung davon, was „Barrierefreiheit“ überhaupt ist.

In diesem Blogpost werden wir daher erklären, was für uns barrierefreie Softwareentwicklung ist und warum sie nicht nur aus ethischen Gründen, sondern auch aus funktionellen und wirtschaftlichen Gründen besser ist.

Was verstehen wir unter barrierefreier Softwareentwicklung?

Allgemein ist „barrierefreie Software“ digitaler Content wie Websites oder Desktop- und mobile Anwendungen, die so konzipiert und realisiert sind, dass Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten sie wahrnehmen, verstehen, in ihnen navigieren und mit ihnen interagieren können.

Welche Anforderungen stellt die Barrierefreiheit?

Zu den Bedürfnissen und Handicaps, die bei der Softwareentwicklung zu berücksichtigen sind, gehören Seh- und Hörbehinderungen sowie kognitive, neurologische, physiologische, sprachliche und andere Einschränkungen. Diese können vorübergehend, dauerhaft, situationsbedingt oder altersbedingt sein.

Man darf auch nicht vergessen, dass es bei diesen Einschränkungen eine große Bandbreite gibt.

Zwar gibt es offizielle Kriterien für die Anerkennung bestimmter besonderer Bedürfnisse (z. B. für die Ausstellung eines Behindertenausweises). Aber es gibt viele Menschen, die die entsprechenden Kriterien nicht in vollem Umfang erfüllen oder gar keinen Antrag stellen.

In Kenntnis dieses Sachverhalts hat Zühlke unlängst ein Entwicklungsprojekt für eine barrierefreie App durchgeführt, das sich für das Entwicklungsteam als Augenöffner erwies:

Während der Bemühungen, die App möglichst barrierefrei zu machen, wurde vielen Beteiligten bewusst, dass sie selbst von den Anpassungen profitieren!

Für diese Erfahrung gibt es zwei Interpretationsmöglichkeiten, die im Kern auf dasselbe hinauslaufen: entweder gehören viele Teammitglieder selbst zu der großen Anzahl von Menschen, die mit der einen oder anderen des riesigen Spektrums an Einschränkungen leben müssen, oder durch mehr Barrierefreiheit wird die UX für alle Nutzer und Nutzerinnen besser.

Einer der an dem Projekt beteiligten Zühlke Expert Business Analysts war Brian Best. Ihm kommt eine Analogie in den Sinn:

„Es ist so wie das Software-Äquivalent einer Rollstuhlrampe. Diese Rampen nützen schließlich auch nicht nur Menschen, die im Rollstuhl sitzen, sondern auch Leuten mit Kinderwagen, älteren Menschen, Menschen, die nach einer Verletzung nur vorübergehend schlecht laufen können ... und sogar Leuten, die auf der Treppe stolpern würden, weil sie ständig auf ihr Handy gucken.“

Welche Herausforderungen gibt es bei der Entwicklung barrierefreier Software?

Die erste Herausforderung besteht darin, dass Unternehmen und ihre Entwicklungsteams oft meinen, ihnen fehle die Ausbildung oder die Werkzeugausstattung, um barrierefreie Software entwickeln zu können.

Da es außerdem keine standardisierten Leitlinien für die Vorgehensweise gibt, werden derartige Lösungen oft als zu schwierig oder zu kostspielig abgetan.

Quintin Balsdon ist Expert Software Engineer bei Zühlke und hat bereits barrierefreie Softwareentwicklung umgesetzt. Er berichtet:

Quintin Balsdon, Expert Software Engineer
„ Manche können nur mit den Bedienelementen externer Geräte wie Tastaturen durch die Anwendung navigieren. Ich habe sogar schon erlebt, dass die Engineers nur die physischen Tasten für die Lautstärkeregelung verwenden durften – eine barrierefreie Software mit derart eingeschränktem Toolkit zu entwickeln ist eine echte Herausforderung. Das größte Hindernis ist jedoch leider die mangelnde Bereitschaft, sich überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen. “
Quintin Balsdon
Expert Software Engineer, Zühlke

Einige Unternehmen sind damit zufrieden, sich irgendwie „durchzuwursteln“ – und unterschätzen dabei völlig das Ausmaß des Bedarfs.

Ein weiterer Grund für die Zögerlichkeit ist die falsche Annahme, dass nur ein sehr kleiner Personenkreis von barrierefreier Softwareentwicklung profitiere.

Richtig ist vielmehr, dass dem Bericht der Weltgesundheitsorganisation über Behinderungen zufolge über eine Milliarde Menschen mit einer Form von Behinderung lebt (über 12 % der Weltbevölkerung). Und den Daten und Fakten der gemeinnützigen britischen Organisation Scope zufolge sind beispielsweise mehr als 4,4 Millionen der britischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Menschen mit Handicap.

Letzten Endes liegt dem Missstand die falsche Annahme zugrunde, dass die barrierefreie Gestaltung von Software keinen wirtschaftlichen Nutzen abwerfe.

Werden die Herausforderungen jedoch weiter ignoriert, haben sowohl die Nutzer und Nutzerinnen das Nachsehen als auch die Anbieter, die sich unter Umständen enorme Chancen entgehen lassen.

Was sind die Vorteile barrierefreier Software?

An erster Stelle steht selbstverständlich eine nichtdiskriminierende UX. Alle Softwareunternehmen haben aus ethischen Gründen dafür zu sorgen, dass im Prinzip alle Menschen ihre Produkte nutzen können – zumal wir jetzt wissen, dass der Personenkreis, der auf barrierefreie Funktionen angewiesen ist, viel größer ist als gemeinhin angenommen.

Aber ganz abgesehen vom ethischen Gebot lässt sich durch Maßnahmen zur Barrierefreiheit die UX generell optimieren. So hat beispielsweise das Entwicklungsteam von Zühlke nach Beratungen in der Testphase die Oberfläche übersichtlicher gestaltet, um sie leichter erfassbar zu machen.

Zwar ging es hierbei um Barrierefreiheit, doch kam diese Anpassung der gesamten Anwender-Community zugute, weil sie die UX der App insgesamt verbesserte – unter Umständen ein entscheidender Wettbewerbsvorteil, wie wir gesehen haben.

Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Aspekt ist Innovation: Besondere Bedürfnisse verlangen besondere Lösungen. Wenn Du diesen Blogpost bequem auf einem Touchscreen-Smartphone liest, verdankst Du diesen Komfort Bemühungen um Barrierefreiheit:

Die Forschung des Doktoranden Wayne Westerman zu Multi-Touch-Oberflächen war nicht zuletzt durch den Wunsch nach Teilhabe trotz seiner Handgelenksbeschwerden motiviert. Westerman war Mitbegründer eines Start-ups namens FingerWorks, das diverse Zero-Force-Trackpads und Tastaturen mit integrierter Gestensteuerung herstellte. Der Website der Purdue University zufolge erwarb Apple 2005 FingerWorks zur Verwendung für das iPhone und iPad.

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass die gesamte Anwenderbasis befähigt wird, maximalen Nutzen aus der Lösung zu ziehen. Hiervon profitiert auch der Anbieter der Software.

Brian Best drückt es so aus:

Brian Best, Expert Business Analyst
„ Es kann durchaus sein, dass eine ganze Reihe von Menschen Deine Lösung gerade jetzt auf eine weniger effektive oder weniger komfortable Weise nutzt, weil ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigt wurden. “
Brian Best
Expert Business Analyst, Zühlke

Quintin Baldson fügt hinzu: „Das hat einen Schneeballeffekt. Hier schlummert ein riesiges, unerkanntes Potenzial. Ein nicht bezifferter Anteil Deiner Nutzer-Community, und darunter mit Sicherheit auch Kollegen und Kolleginnen, mühen sich im Stillen ab, weil Funktionen fehlen, die ihnen die Nutzung deutlich erleichtern würden.“

Wer Software leichter zugänglich macht, erweitert damit die potenzielle Zielgruppe.

Letzten Endes vergrößert sich aber nicht nur der Kundenkreis, sondern auch der Pool potenzieller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. UX-Optimierungen kommen gerade auch denjenigen zugute, denen ihre besonderen Bedürfnisse vielleicht gar nicht bewusst sind oder deren Einschränkungen nicht so gravierend sind, dass sie offiziell als „Behinderung“ gelten.

Wie kann meine Softwareabteilung Barrierefreiheit in der Praxis erreichen?

1. Zunächst einmal müsst Ihr Eure Denkweise ändern

Macht Euch bewusst, dass Personen, für die Barrierefreiheit wichtig ist, keine Einzelfälle sind. Vielmehr gibt es hier eine große Nutzerbasis, die Ihr unterstützen könnt. Das Eingehen auf die Bedürfnisse dieser Nutzerbasis ist eben auch eine große Chance für Innovationen.

2. Anpassung der Prozesse

Informiere Deine Teams über die Grundsätze und die Relevanz einer barrierefreien Softwareentwicklung.

Anschließend solltet Ihr Eure Testverfahren anschauen: Bei Code Reviews wird die Software oft auf rein technischer Ebene bewertet. Für barrierefreie Software muss hier die UX mitberücksichtigt werden.

Durch frühzeitige Anpassung könnt Ihr dafür sorgen, dass Barrierefreiheit von Anfang an als Kriterium in die Arbeit einfließt – damit spart Ihr Kosten. Wichtig sind auch Tests mit echten Anwendern und Anwenderinnen. Hierzu solltet Ihr fachlichen Rat zum Testen auf Barrierefreiheit einholen.

3. Fragt Personen mit entsprechender Sachkompetenz

Eure Strategie sollte sich nicht auf Mutmaßungen beschränken wie: „Wenn ich diese Einschränkung hätte, würde ich mir dieses und jenes von der Software wünschen“. Lasst Euch von einer Person beraten, die sich aus erster Hand mit den Anforderungen auskennt.

Bei Zühlke arbeiten wir mit Open Inclusion zusammen. Die Website dieser Organisation liefert Anhaltspunkte für Projekte zur Entwicklung barrierefreier Software und vermittelt den Kontakt zu einem Netzwerk für Software-Testung, dessen Mitglieder selbst unterschiedliche Bedürfnisse im Hinblick auf Barrierefreiheit haben.

Deren Feedback kann Euch zu Verbesserungen anregen, die Ihr sonst aufgrund von Unkenntnis oder mangelnder Erfahrung übersehen hättet.

Fazit

Mit der richtigen Kombination aus Mindset, Prozessanpassung und sachverständiger Beratung könnt Ihr Innovationen vorantreiben, bessere Software entwickeln und eine optimierte UX für alle schaffen.

Natürlich bedeuten barrierefreie Softwarelösungen Aufwand, aber Unternehmen, die sich den neuen Herausforderungen stellen, tun nicht nur das ethisch Richtige, sondern erschließen sich zugleich neues Geschäftspotenzial.