Zühlke – Empowering Ideas

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Insights

Challenger Bank: Revolution statt Evolution?

Ulrich Leuenberger & Marc Faeh &

Sinkende Margen, sich wandelnde Kundenbedürfnisse, steigende Komplexität und neue Ökosysteme: Die Herausforderungen der Schweizer Finanzinstitute sind grundsätzlich die gleichen wie jene ihrer globalen Pendants. Sind Reformen in den bestehenden Strukturen möglich oder braucht es einen radikalen Neuanfang?

Insight in brief

  • Die Finanzbranche steht weltweit vor gewaltigen Herausforderungen wie sinkenden Margen und steigender Komplexität
  • Die Fähigkeit mit anderen Unternehmen und Organisationen zusammenzuarbeiten wird für Banken künftig entscheidend sein
  • Der Greenfield-Ansatz, welcher neue und effiziente Strukturen schafft, kann sinnvoll sein

Die Finanzbranche steht weltweit vor gewaltigen Herausforderungen. Unsere Kollegen von Zühlke UK haben in einem kürzlich veröffentlichten Paper Parallelen gezogen zur Situation der US-Autoindustrie in den 1970er-Jahren. Dabei haben sie die These aufgestellt, dass Banken besser beraten wären eine neue konzeptionell digitale Bank separat aufzubauen, anstatt die bestehenden Prozesse, Schnittstellen und Infrastrukturen zu digitalisieren. Wie sieht die Situation in der Schweiz aus?

Kundenzentriertheit und Ökosysteme

Sinkende Margen im Hypothekargeschäft bedrohen in der Schweiz vor allem die Retailbanken, für welche das Zinsdifferenzgeschäft weiterhin den grössten Ertragsblock ausmacht. Gleichzeitig wird eine starke Kundenorientierung im Dienstleistungsgeschäft immer wichtiger. Die Kunden registrieren, wie in anderen Branchen – etwa im Detailhandel – seit Jahren auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird und fordern dies nun verstärkt auch von Finanzdienstleistern ein.

Eine stärkere Zusammenarbeit und Vernetzung mit Drittanbietern - Stichworte Open Banking und Ökosysteme - wird für Banken immer wichtiger, um ihren Kunden eine möglichst breite Palette von Produkten anbieten zu können. Die Partnerunternehmen profitieren dabei von dem der Bank entgegengebrachtem Vertrauen. Und dieses Vertrauen ist nach wie vor hoch: Beispielsweise können sich 64 Prozent der Befragten einer Umfrage des IFZ vorstellen, Versicherungsdienstleistungen über eine Bank zu beziehen – in der umgekehrten Richtung sind es jedoch nur 15 Prozent. Weiter können Konzepte wie Co-Creation, also der direkte Einbezug der Kunden in einen agilen Entwicklungsprozess, helfen, den veränderten Kundenansprüchen gerecht zu werden.

Banken in der Multichannel-Falle

Auch im Finanzdienstleistungsgeschäft schlägt das Pendel immer stärker in Richtung Online aus. Die Kunden wollen möglichst viel online erledigen und erwarten ein durchgehend erfreuliches Erlebnis auf den verschiedenen Touchpoints. Gleichzeitig bleibt der Kostendruck auf die Banken weiterhin hoch. Automatisierungen sind unumgänglich aber gleichzeitig auch teuer. Die Digitalisierung erreicht immer komplexere Bereiche und Anwendungen – etwa im Bereich der künstlichen Intelligenz. Vor diesem Hintergrund führen Automatisierungen nicht mehr zwangsläufig zu grossen Einsparungen.

Banken mit einem ausgebauten Filialnetz müssen gleich dreifach investieren: Einerseits in das bestehende Filialnetz, andererseits in die Online-Kanäle sowie zu guter Letzt in die komplexe Verknüpfung der verschiedenen Kanäle. Diese Multichannel-Banken haben dadurch strukturelle Nachteile gegenüber reinen Online-Anbietern. Vor der gleichen Situation stand vor ein paar Jahren der stationäre Handel mit dem Aufkommen der reinen Online-Händler oder noch ein paar Jahre zuvor die Reisebranche beim damaligen Markteintritt der Buchungsportale. Die Investitionen müssen gut überlegt sein und die Positionierung unterstützen.

Pandemie als Katalysator für Disruption

All diese Herausforderungen haben schon seit längerem Bestand. Allerdings hat die Corona-Krise in Bezug auf die Digitalisierung einen massiven Schub ausgelöst und vor allem auf der Nachfrageseite, also bei den Kunden, zu einem Umdenken geführt. Der Online-first-Ansatz durchdringt nun auch Kundensegmente, welche zuvor noch viel stärker stationär orientiert waren.

Challenger Bank auf dem Greenfield

Die Fähigkeit mit anderen Unternehmen und Organisationen zusammenzuarbeiten und sich somit einen Platz in einem Ökosystem zu sichern, wird für Banken künftig entscheidend sein. Die Voraussetzungen dafür müssen sind intern kaum zu schaffen: Vielerorts sind strukturelle, kulturelle und technologische Defizite vorhanden, die enorme Investitionen in Zeit und Geld voraussetzen.

Hier bietet sich der Greenfield-Ansatz an, um neue effiziente Strukturen und eine Kultur zu schaffen, welche schnell ist und sich ständig hinterfragt und entsprechend verbessert. Die dafür nötige radikale Veränderung stellt innerhalb der bestehenden Organisation ein enormer Kraftakt dar. Fraglich, ob dieser innerhalb des Zeitfensters, welches den klassischen Schweizer Banken noch bleibt, bevor der Druck durch neue Markteilnehmer zu stark wird, machbar ist.

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Ulrich Leuenberger

Senior Business Consultant

Mit einem MSc der Universität Bern in Business Administration und mehrjähriger Erfahrung in der Prozess- und, Customer Experience-Beratung bringt er das nötige Rüstzeug mit, um wirtschaftliche Lösungen zu entwickeln, fachliche Anforderungen zu verstehen und zu definieren sowie diese für die Technik verständlich zu übersetzen. Die Erfahrungsschwerpunkte von Ulrich Leuenberger liegen in der Prozessoptimierung- und Digitalisierung, Strategieerarbeitung, Software-Evaluation sowie Projekt- und Stakeholdermanagement.

Marc Faeh

Marc Faeh

Senior Business Solution Manager
Ansprechpartner für die Schweiz

Marc Faeh ist Senior Business Solution Manager und seit März 2020 bei Zühlke. Er betreut Kunden bei der Erhöhung der Kundenbindung und Effizienz mittels Ideen und Lösungen im Portal- und Kollaborationsumfeld. Nach einer Banklehre und einem Studium in Wirtschaftsinformatik hat Marc sechs Jahre als Management Consultant für einen global führenden IT Dienstleister gearbeitet. Sein Fokus lag auf Transformations- und Business Architektur Projekten in verschiedenen Branchen (Telco, Banking, Travel, Card Issuing und Pharma). Danach war Marc elf Jahre auf Kundenseite als Projekt Manager in der Retail Branche tätig, wo er komplexe Business & IT Projekte im Bereich POS, Commerce und Payment leitete.