Using artificial intelligence in pharma industry
Insights

Für ein besseres Health Outcome: Bessere Ärzte durch «Augmented Intelligence»?

By Daniel  Diezi  & Stefan Weiß &

Die Pharmaindustrie spielt eine entscheidende Rolle in der Digitalisierung der Gesundheitsindustrie und ist einer der Hauptmotoren für Innovation in diesem Bereich.

 Indem sie die Künstliche Intelligenz (KI) klug und in enger Zusammenarbeit mit Ärzten und Patienten einsetzt, kann die Industrie einen entscheidenden Beitrag für eine bessere Gesundheitsversorgung leisten: Indem sie die verschiedenen Akteure im Gesundheitssektor näher zusammenbringt und es Ärzten erlaubt, sich stärker auf den Patienten an sich zu konzentrieren.

Insight in brief

  • Diagnosen von Ärzten können voreingenommen sein und zu Behandlungen führen, die falsch oder gar nicht notwendig sind.

  • Aufgrund falscher Anreize in unserem Gesundheitssystem haben die Ärzte weniger Zeit für den einzelnen Patienten.

  • Eine intelligente Kombination von künstlicher Intelligenz und Ärzten könnte bei beiden Herausforderungen helfen und zu einem besseren Gesundheitsergebnis führen.

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Warum ist das notwendig? Sehen wir uns zwei Beispiele an: Die Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist nicht sehr zuverlässig. Derzeit wird derselbe Patient von verschiedenen Ärzten unterschiedlich diagnostiziert. Zudem sind die Diagnosen oft verzerrt. Jungen werden bis zu zweimal häufiger mit ADHS diagnostiziert als Mädchen. 

Ähnlich sieht es bei Asthma und der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) aus, die ebenfalls häufig falsch diagnostiziert werden; bei COPD kann dies in bis zu 73% der Fälle vorkommen. Beide Krankheiten, Asthma und COPD, weisen hinsichtlich ihrer Symptome große Ähnlichkeiten auf, was es den Ärzten erschwert, eine zuverlässige Diagnose zu stellen. Dies sind nur zwei Beispiele für Fehldiagnosen. Viele medizinische Verfahren sind nicht die richtigen oder unnötig - und das liegt einfach daran, dass der Zustand des Patienten nicht richtig verstanden wird.
 

Falsche Anreize führen dazu, dass Ärzte weniger Zeit für den einzelnen Patienten haben

Darüber hinaus hat das Gesundheitssystem Anreize gesetzt, die den Arzt zunehmend auf die wirtschaftlichen Ziele eines Krankenhauses ausrichten. Damit wird die Gesundheit eines Patienten in den Hintergrund gedrängt. Zudem sehen sich die Ärzte mit einem zunehmenden Dokumentationsaufwand konfrontiert, der z.B. für jede Art der Kostenerstattung durch die Krankenkassen erforderlich ist. Studien haben ergeben, dass Ärzte fast die Hälfte ihrer Zeit in der Praxis damit verbringen, Formulare auszufüllen und andere Schreibtischarbeit zu erledigen. Ironischerweise bedeutet dies, dass Ärzte bei weiter steigenden Gesundheitskosten weniger Zeit mit ihren Patienten verbringen können.

Dabei sind Einfühlungsvermögen und Verständnis für den Patienten sowie für seine persönliche Geschichte die besonderen Stärken von Ärzten. Eine Krankheit kann niemals unabhängig von der Krankengeschichte einer Person betrachtet werden. Bei ADHS müssen z.B. auch Fragen über traumatische Erlebnisse, wie der Patient geboren wurde oder welche Art von Beziehung er zu seinen Eltern oder Lehrern hatte, berücksichtigt werden. Dieser Zusammenhang muss jedoch vom Arzt hergestellt werden - kein Diagnosegerät oder KI-Algorithmus kann dies leisten. Es erfordert eine persönliche Kommunikation zwischen Arzt und Patient, Einfühlungsvermögen sowie den Wunsch, den Patienten wirklich zu verstehen. All diese Elemente erfordern einen hohen Zeitaufwand für den Arzt. 

Warum wird künstliche Intelligenz benötigt?

Eine Lösung für dieses Dilemma könnte darin bestehen, die Stärken von Computern und Menschen zu kombinieren. KI ist schnell, genau, aber gefühllos. Menschen sind langsam und ungenau - aber sie können einfühlsam sein. Da Maschinen bald in der Lage sein werden, viele Aufgaben besser zu bewältigen als Menschen, sollten sich diese Menschen auf den Vorteil konzentrieren, den sie haben: Sie sollten sich daran erinnern, menschlicher zu sein. 

Für Ärzte bedeutet das, Gespräche mit Patienten zu führen, um ihre persönlichen Therapieerfahrungen zu verstehen und die nächsten Schritte festzulegen. Der Patient sollte dabei so weit wie möglich helfen, ihm sollten die endgültigen Entscheidungen über seine eigene Behandlung überlassen werden. Die KI kann diagnostische Entscheidungen unterstützen, indem sie einen Gesamtüberblick über die Daten eines Patienten gibt und damit auch dazu beiträgt, beispielsweise Fehldiagnosen oder unnötige Eingriffe zu vermeiden. Sie kann auch zur Empfehlung einer geeigneten Behandlung herangezogen werden.
 

Ärzte und Patienten einbeziehen - ein besseres Gesundheitsergebnis erzielen

Ärzte und Patienten einbeziehen - ein besseres Gesundheitsergebnis erzielen
KI ist in der Lage, aus Fällen, Daten und medizinischer Literatur zu lernen. Allerdings führt die Zunahme der Multimorbidität zu Kombinationen von Krankheiten, die noch nicht ausreichend untersucht wurden oder noch nicht so weit entwickelt sind, dass ein Algorithmus für sie trainiert werden könnte. Hinzu kommt, dass die Humanbiologie insgesamt zu komplex ist, als dass die KI die einfache Lösung sein könnte - dennoch ist die Kombination von Ärzten und KI sehr vielversprechend.

KI kann Patienten zu einem besseren Behandlungsergebnis verhelfen - das ist es, was sie so wertvoll macht, und deshalb müssen wir die KI und die Ärzte zusammenbringen. Das Ergebnis dieser Kombination ist «Augmented Intelligence». Diese erweiterte Form der Intelligenz ersetzt nicht den Menschen, aber sie kann sicherstellen, dass Ärzte und Patienten von der Kombination aus Daten und menschlicher Intelligenz im Hinblick auf jegliche Entscheidungsfindung profitieren. 

Die Pharmaindustrie hat die Möglichkeit, eine führende Rolle in diesem Prozess zu übernehmen und digitale Lösungen anzubieten, z.B. Diagnose-Apps - oder begleitende Apps für Ärzte und Patienten, die ihnen helfen, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Denn sie Digitalisierung im Gesundheitswesen wird nur dann erfolgreich sein, wenn wir Ärzte und Patienten in den gesamten Prozess einbeziehen.

Daniel Diezi

Daniel  Diezi 

Director Business Development & Head Health Industries  
Ansprechpartner für die Schweiz daniel.diezi@zuehlke.com +41 31 561 3946 

Als Daniel Diezi 2016 zu Zühlke kam, verfügte er bereits über mehr als 12 Jahre Erfahrung im globalen Gesundheitswesen und leitete international Projekte zur digitalen Transformation. Als Beiratsmitglied eines Digital Health Think-Tanks, der Swiss MedTech Association und als Vorsitzender der Plattform MedTech & Pharma nimmt er eine führende Rolle bei der Gestaltung der Zukunft der Gesundheit ein.   

Stefan Weiß

Stefan Weiß

Lead Business Consultant
Ansprechpartner für Deutschland stefan.weiss@zuehlke.com +49 6196 777 54 426

Dr. Stefan Weiss ist Lead Business Innovation Consultant bei der Zühlke Gruppe und verfügt über breites Hintergrundwissen in den Neurowissenschaften kombiniert mit einer breiten Expertise in Geschäftsmodellen und Innovationsmanagement. Vor seiner Zeit bei Zühlke, gestaltete Stefan die Zukunft von Healthcare und Life Sciences im Innovationszentrum der Merck KGaA aktiv mit. Mit Leidenschaft treibt er die Digitalisierung der Pharma- und MedTech-Industrie mit Fokus auf innovative Geschäftsmodelle voran, bei denen er seine wissenschaftliche und wirtschaftliche Expertise optimal anwenden kann. Bei Zühlke erweitert er die technische Exzellenz um domänenspezifisches Know-How und stärkt damit die Partnerschaften mit Pharma- und MedTech-Kunden.