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„Too big to succeed“ – Ist die Bankenwelt reif für eine digitale Revolution?

18 Juni 2015
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Lesezeit: 3 Minutes

Die ehemals ruhige auf Diskretion bedachte Bankenwelt ist aufgewacht. Ungebremst von Regulierungen rüttelt eine Flut von technologie-affinen FinTech-Startups an den letzten Barrieren zum lukrativen Bankenmarkt. Während die kostspielige und komplexe Bankeninfrastruktur früher als Schutz vor Eindringlingen diente, wird sie mehr und mehr zur Last. Neben steigenden Kosten, verhindern die eingerosteten Prozesse die notwendige Flexibilität, um Innovationen an der Kundenschnittstelle voranzutreiben. Dabei ist das Bankengeschäft wie geschaffen für die Digitalisierung: Wie dieses kommt sie ohne physische Produkte aus und kann komplett online stattfinden. Dreiviertel aller Schweizer erledigen ihre alltäglichen Bankgeschäfte online. Werden die etablierten Banken den jungen wilden FinTech-Startups standhalten können?

FinTech

Grundsätzlich ist „FinTech“ ein Sammelbegriff für innovative Technologien, die bei finanziellen Dienstleistungen verwendet werden. FinTech wird meist mit Technologie-Startups in Verbindung gebracht, welche Finanzdienstleister (z.B. Banken) bei ihren traditionellen Geschäften in Bedrängnis bringen. Genauer gesagt springen FinTech-Startups da ein, wo sie eine Lücke in der Customer Experience vorfinden oder die Banken den Kundenbedürfnissen nicht gerecht werden.

Folgende Anliegen konnte meine heutige Bank nicht oder nur teilweise befriedigen:

  • Wie kann ich alle meine Konten von verschiedenen Banken in einer Übersicht sehen? Controvista bietet eine Kontenaggregation
  • Wo kann ich digitale Währungen kaufen und tauschen? Yacuna bietet einen online Handelsplatz für digitale Währungen, wobei diese auch in Euro und Pfund umgewandelt werden können
  • Wie finde ich den günstigsten und schnellsten Weg, um Geld an meine ausländischen Freunde oder Verwandte zu transferieren? Mithilfe von TawiPay

Auch die Schweizer Grossbanken ruhen nicht. Credit Suisse versucht sich als „Facebook für Reiche“ zu positionieren, in dem sich gleichgesinnte Vermögende untereinander austauschen und Geschäfte machen können. Vielversprechender hört sich UBS Advice an: Ein automatischer Portfolio Health Check, der Kundenpositionen mit einer Software überwacht. Bei Abweichungen von den eigenen Risikokriterien wird der Kunde per SMS oder E-Mail benachrichtigt und erhält alternative Investmentvorschläge. Allerdings muss vor dem Kauf ein Berater konsultiert werden. Zudem muss man über mindestens CHF 250‘000 Vermögen verfügen, um das Angebot nutzen zu können. Für weniger Vermögende hat die UBS kürzlich Paymit lanciert, welches einfache P2P-Zahlungen in Echtzeit übers Smartphone ermöglicht. Diese Neuerung begrüsse ich sehr – sei es nur, um eine Restaurantrechnung einfach unter Kollegen zu teilen.

Seitens der Grossbanken und der FinTech-Startups gibt es also einige spannende Entwicklungen, doch trotz der Digitalisierung ist eine digitale Revolution wie im Musik- und Buchhandel (iTunes, Amazon) mit grundlegenden strukturellen Veränderungen bislang ausgeblieben. Vielmehr versuchen sich die FinTech-Startups zu etablieren, während sich die etablierten Banken dem digitalen Transformationsprozess stellen.

Digitale Transformation – aber richtig

Digitale Transformation heisst mehr, als bloss die bestehenden Prozesse und Dienstleistungen zu elektrifizieren. Vielmehr geht es darum, die neuen technologischen Möglichkeiten zu nutzen, um dem Kunden zur richtigen Zeit und am richtigen Ort die richtigen Services anzubieten, die seinen vielfältigen Bedürfnissen gerecht werden. Dabei müssen sich Banken bewusst werden, dass sie ihre Prozesse nicht mehr dem Kunden aufzwingen können, sondern an einer weit grösseren Customer Experience teilnehmen. Diese Entwicklung findet branchenübergreifend statt und eröffnet den Banken sowohl Chancen (neue Märkte, Partnerschaften), als auch das Risiko, die Kontrolle über ihre „end-to-end“ Kundenprozesse zu verlieren. Wir Kunden profitieren letztendlich. Ein Beispiel anhand von Big Data:

Bank + Retailer + Big Data = added value

Neuste Big Data-Technologien erlauben es, genauere und aussagekräftigere Kundenprofile zu erschaffen, welche die bisherige rudimentäre Kundensegmentierung ablösen werden. Der ehemals verschlossene Bankkunde wird auf Basis seiner Transaktionsdaten entschlüsselt und seine Bedürfnisse in einem individuellen und unverwechselbaren Profil abgelegt. Somit können personalisierte Dienstleistungen geschaffen werden, die dem Kunden echten Mehrwert bringen.

„Wenn ich daran denke, was theoretisch aus meinen Transaktionsdaten gelesen werden könnte – was ich, wo, wann, wie zu welchem Preis gekauft habe – ist das auf den ersten Blick beängstigend. Doch wenn ich vor meinem wöchentlichen Samstagmorgen Einkauf einen Rabattgutschein von Migros oder Coop zugestellt bekomme, weiss ich wo ich einkaufen werde.“

Der Besitz von Transaktionsdaten ist den etablierten Banken vorenthalten – doch die Fähigkeit Daten entsprechend zu analysieren, ist nicht monopolisiert. Zudem haben die Bank und der Big Data Scientist mit dem Retailer einen neuen Kunden gewonnen.

Es braucht gar keine Revolution

Das Beispiel mit den monopolisierten Transaktionsdaten und den verteilten Big Data Analytics-Fähigkeiten deutet an, wo sich die Bankenwelt in Zukunft hinbewegen wird. Die Digitalisierung ermöglicht nicht nur tiefere Einblicke in den Bankkunden, sondern eröffnet auch neue, engere Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

„Ich möchte über alle möglichen Kanäle Zugang zu den Services, die meinen anspruchsvollen und vielfältigen Bedürfnissen entsprechen. Von wem die Services kommen ist mir letztendlich egal. Hauptsache ich und meine Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt.“

Mir schwebt eine neue Welle der Spezialisierung vor, im Zuge derer sich Banken, Technologieunternehmen, Retailer und andere Partner auf ihre Kernkompetenzen fokussieren und sich gegenseitig ergänzen in einem vernetzen, kollaborativen „Banken-Ökosystem“. Die notwendige Technologie besteht bereits. Allerdings müssen sich die Banken erst von ihrer Inside-out-Mentalität (was können wir dem Kunden bieten?) verabschieden und sich Outside-in bewusst werden, was für Business es da draussen gibt und was sie dazu beitragen können. Erst dann ist die Digitale Transformation vollzogen.

Kommentare (4)

Kevin

17 Juli 2015 um 13:41

Hallo Tim

Vielen Dank für deinen informativen Beitrag. Du zeigst deutlich auf, welches Potenzial die Digitalisierung für Banken bietet und wie sie damit auf Kundenbedürfnisse reagieren können. Und genau da liegt das Problem: Sie reagieren. Und das oft viel zu spät. Die Digitalisierung bestimmter Services ist auch für Banken immer nur die Antwort auf einen konkreten Veränderungsprozess in der Gesellschaft (Sharing, P2P, Individualisierung…), mit dem sich auch die Bedürfnisse ihrer Kunden wandeln.

Wäre es für Banken nicht sinnvoll, wenn sie sich etwas mehr in der Zukunft zu bewegen würden, um die von dir angesprochenen „vielfältigen Bedürfnisse“ rechtzeitig zu antizipieren?

Beste Grüsse
Kevin

    Tim Holleman

    Tim Holleman

    20 Juli 2015 um 11:06

    Hi Kevin

    Das ist ein sehr spannender Punkt den Du ansprichst und ich stimme Dir voll und ganz zu.

    Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass eine einzelne Grossbank sämtliche Kundenbedürfnisse adressieren kann. Vielmehr gehe ich davon aus, dass ich in Zukunft mit einer spezialisierten „Boutique Bank“ interagieren werde – wobei im Hintergrund eine etablierte Grossbank die Fäden zieht.

    Eine Boutique Bank ist flexibler aufgestellt, kann etwas gewagter auftreten und ist näher an ihrem Zielmarkt. Somit kann sie die Auswirkung dieser gesellschaftlichen Megatrends besser einschätzen und daraus kundenspezifische Services entwickeln.

    Ein junges FinTech Unternehmen versteht uns Digital Natives sicher besser als eine voll-standardisierte Grossbank. Was denkst Du, Kevin?

    Gruss Tim

      Kevin Kretzer

      23 Juli 2015 um 17:33

      Hi Tim

      Es wäre verrückt zu glauben, dass eine Grossbank sämtliche Kundenbedürfnisse adressieren kann. Das soll sie auch gar nicht. Ihre Innovationsaktivitäten müssen sich an den langfristigen Unternehmenszielen ausrichten. Entsprechend gilt es, Veränderungsprozesse in Gesellschaft und Technologie zu priorisieren und für das Erreichen dieser Ziele nutzbar zu machen. Wie unterschiedlich das aussehen kann, zeigen deine aufgeführten Beispiele „Facebook für Reiche“ und UBS Advice deutlich.

      Die Zusammenarbeit mit FineTech Unternehmen kann hilfreich sein, um die zukünftigen Herausforderungen zu meistern. Neben den von dir genannten Vorteilen unterliegen diese Unternehmen vor allem nicht den gleichen regulatorischen Anforderungen wie die Grossbanken, was deren Handlungsspielraum deutlich vergrössert. Aber klar ist: Diese Unternehmen verstehen uns deshalb besser, weil sie sich mit ihren Wertangeboten auf klar definierte Bereiche innerhalb der Kern- oder Serviceprozesse konzentrieren. Dadurch schaffen sie es, auf spezielle Bedürfnisse zu reagieren und Kunden mit ihren Leistungen zu begeistern.

      Alles in allem bin ich gespannt, wie sich die Banken in Zukunft verhalten werden. Die Konkurrenz ist gross und sie dringt mehr und mehr in die klassischen Finanzdienstleistungen ein. Ein Blick nach Amerika reicht aus: Mit Google Wallet und Apple Pay wurde den Banken bereits der Kampf um die Abwicklung des gesamten Zahlungsverkehrs im Handel angesagt.

      Beste Grüsse
      Kevin

moll

13 Januar 2016 um 15:22

guter Artikel:-)

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