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Projektleiter –Beruf oder Berufung?

16 Juli 2014
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Lesezeit: 6 Minutes

Ich bin nun schon seit knapp 10 Jahren als Projektleiterin unterwegs und frage mich manchmal, wie ich noch besser werden kann. Gibt es ein natürliches Ende für das, was wir durch Schulungen, Vorträgen oder aus Büchern lernen können und der Rest muss „Natur gegeben“ sein? Oder kann ich durch Seminare, Konferenzen und Erfahrung aus verschiedenen Projekten mein Arbeiten irgendwann wirklich „perfektionieren“ mit dem Ziel, strategische, komplexe Gross-Projekte zu leiten?

Diese Überlegungen brachten mich zu der Frage: Ist Projektmanagement ein Beruf oder Berufung?

Unterschied Beruf und Berufung

Schaut man sich die Definition der zwei Begriffe an, so wird der Unterschied schnell klar. Berufung bedeutet seine besondere Befähigung als Auftrag zu empfinden, „das Begabt sein; natürliche Anlage, angeborene Befähigung zu bestimmten Leistungen; Talent“. Im Gegensatz dazu wird als Beruf eine Tätigkeit verstanden, die erlernt wurde um Geld zu verdienen.

Auf der einen Seite ein Themengebiet für das wir uns entscheiden, das wir erlernen zum Selbstzweck und um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Auf der anderen Seite Fähigkeiten, die wir uns nicht ausgesucht haben, die wir sehr gut beherrschen, die uns leicht von der Hand gehen und den meisten von uns noch Spass macht.

Bleibt also die Frage, ist Projektmanagement ein Beruf, den man erlernen kann? Kann ich durch Ausbildung zu einem sehr guten Projektleiter werden oder braucht man eine besondere Begabung, die nicht erlernbar ist, sondern die einem mit „in die Wiege gelegt“ wurde und die damit von vornherein mein Limit auf der Performanz-Skala festlegt?

Schaut man sich mal um,was von einem sehr guten Projektleiter alles gefordert wird, kann man schnell überrumpelt und frustriert werden. Das reicht von Fachexperte und Führungspersönlichkeit über Stratege hin zum Visionär. Er soll die üblichen Projektmethoden beherrschen, eine „Alles-ist-Möglich“-Einstellung haben, enthusiastisch sein und Rückschläge überwinden. Und neben Verhandlungsgeschick hat er auch Einfühlungsvermögen, kann eine gute Kultur schaffen und alle Ergebnisse erreichen.

Kann eine Person all diese Anforderungen erfüllen oder muss sie das vielleicht am Ende gar nicht, um gut zu sein? Sind die aus meiner Sicht guten Projektleiter bereits als solche geboren worden und die Welt hatte Glück, dass diese Menschen ihre Begabung als Beruf gewählt haben?

Ein Erklärungsansatz mit der ICB  (IPMA Competence Baseline)

Abstrahieren wir die oben genannten Anforderungen an einen guten Projektleiter mal anhand der ICB (International Project Management Association (IPMA) Competence Baseline). Hier gibt es 3 Kompetenzstufen: die Technische, die Verhaltens- und Kontextkompetenz. Alle drei Säulen werden als gleichgewichtig eingestuft.

Die IPMA Competence Baseline (ICB) definiert einen international wirksamen Kanon zu den Kompetenzaspekten des Projektmanagements.

Die IPMA Competence Baseline (ICB) definiert einen international wirksamen Kanon zu den Kompetenzaspekten des Projektmanagements.

Bei der technischen Kompetenz wird schnell klar, hier greifen die meisten Schulungen und Bücher. Dieser Bereich ist mit Sicherheit der, der am leichtesten zu lernen ist und auch am meisten dafür genutzt wird. Dennoch bedarf es hier mit Sicherheit einer ständigen Übung und Optimierung der Methoden um immer besser zu werden.

Die Kontextkompetenz gestaltet sich hier schon etwas schwieriger. Die theoretischen Grundlagen sind zwar ebenfalls leicht erlernbar, doch die Übertragung auf die aktuelle Situation und der Wissenstransfer bedürfen einiges an Erfahrung und Feingefühl für die jeweilige Situation. Ich denke hier besonders an die Themengebiete Stammorganisation / Personalmanagement, Geschäft und der Einführung von Projekt-, Programm- und Portfoliomanagement.

Verhaltenskompetenz letztlich setze ich mit Sozialkompetenz gleich, ergänzt um emotionale Intelligenz und Empathie. Hierzu habe ich noch eine schöne Definition von Jörg Wurzer gefunden: „Soziale Kompetenz zu entwickeln bedeutet, sich in bestehende Beziehungen einfügen zu können. Es gilt, die unausgesprochenen Regeln und die Dynamik der Gruppe zu verstehen.“Sozialkompetenz entwickelt sich im frühkindlichen Alter und wird durch die Vorbildfunktion der Eltern und Autoritätspersonen, durch eigenes Erleben und durch Bestätigung geprägt. Wenn wir nach Berufung fragen, dann wohl am ehesten in dem Bereich der Verhaltenskompetenz.

Ist Sozialkompetenz lernbar?

Aber ist hier wirklich schon alles entschieden oder kann ich auch im Erwachsenenalter noch etwas lernen und verändern?

Ich denke, man kann noch dazulernen und verändern, es fällt jedoch wesentlich schwerer die eigenen bestehenden Verhaltensmuster und Werte anzupacken und zu verändern.

Der Prozess ist sehr langwierig und anstrengend, es gibt oft Rückschläge, es ist aber nicht unmöglich. Wichtig ist, dass man bereit ist, sein Verhalten und seine Einstellung gegenüber anderen kritisch zu hinterfragen (und auch hinterfragen zu lassen), zu reflektieren und unter Umständen auch anzupassen.

Oft ist es schwer Kritik von anderen anzunehmen und sie nicht persönlich zu nehmen oder sich nicht angegriffen zu fühlen. Für mich spielt hier auch eine Rolle, welche Person mir dieses Feedback gibt. Im Optimalfall gibt es im Projektumfeld jemanden, der in Bezug auf seine Sozialkompetenz als Vorbild gesehen werden kann. So eine Person bietet sich an sie zu fragen, ob sie bereit ist ihnen hin und wieder Feedback zu geben und ihnen seine Wahrnehmung wieder zu spiegeln.

Lassen sie das Feedback stehen und reflektieren sie diese Bewertung kritisch, denn auch sie ist subjektiv und kann verzerrt sein. Aber sie ist wichtig um auf dem Weg der persönlichen Veränderung weiter zu kommen. Am besten vergleichen sie das Feedback mit mit ihrer eigenen Zielvorstellung sorgfältig ab.

Erwarten sie keine Wunder und seien sie nicht frustriert wenn sie hier immer wieder die gleichen negativen Punkte hören. Der Veränderungsprozess ist ein langwieriger Weg und kostet Zeit und Durchhaltevermögen.

Im Bereich Sozialkompetenz weiter zu kommen, ist nicht nur für den Beruf als Projektleiter wichtig, sondern auch für mein persönliches Leben in Familie, Gemeinde, allgemein beim Umgang mit anderen Menschen. Daher lohnt sich die Investition definitiv, nicht nur für den Beruf.

Mein Resumee

Und wie ist das nun mit der Berufung? Ich denke die Methodik muss jeder lernen. Dem einen fällt es leichter, dem anderen schwerer. Wer einen guten Grundstock an Sozialkompetenz, emotionaler Intelligenz und Empathie hat, wird es definitiv leichter haben, im Projektalltag  immer besser zu werden als jemand, bei dem nur eine kleine Basis vorhanden ist.

Jemand der alle Gebiete perfekt beherrscht habe ich noch nicht getroffen. Und ehrlich bezweifele ich auch, dass es so jemanden wirklich gibt. Für mich ist ein sehr guter Projektleiter jemand, der seine Schwächen in dem einen Gebiet kennt und weiss, wie er sie durch seine Stärken in dem anderen Gebiet, nicht verbergen, aber entkräften kann.

„Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: erstens durch Nachdenken, das ist der edelste, zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste, und drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.“

(Konfuzius, chinesischer Philosoph und Staatsmann (551 v. Chr. – 479 v. Chr.)

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