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Mit Retrospektiven in die Zukunft schauen

20 Juni 2017
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Lesezeit: 1 Minute

Entstehen in Ihren Retrospektiven mehr oder weniger subtile Anschuldigungen, auch wenn die Spielregeln dies klar verbieten und an der Wand hängen? Ein Hinweis, warum dem so sein könnte, liefert der Philosoph Aristoteles (384 bis 322 v. Chr).

Aristoteles unterscheidet in seinem ersten Buch der Metaphysik im dritten Kapitel drei Redegattungen:

  1. Γένος δικανικόν (Gerichtsrede):
    In der Gerichtsrede werden Fragen über Handlungen in der Vergangenheit gestellt. Es geht um Schuld, Forensik, Obduktion. Es wird gewühlt und gewühlt. Bildlich gesprochen, schneide ich die Leiche auseinander, um Näheres herauszufinden. Sie können sich gerne den Geruch vorstellen.
  2. Γένος συμβουλευτικόν (Parlamentsrede):
    Mit einer Parlamentsrede wird auf Entscheidungsträger eingewirkt. Hat ihre Retrospektive Fragen in der Gegenwart aufgeworfen, dann wird auf Werte gezielt, um daraus Handlungen in der Zukunft zu vertreten.
    Will man Entscheidungen herbeiführen, dann sollten die Fragen in die Zukunft zeigen.
  3. Γένος ἐπιδεικτικόν (Lobrede)
    Die Lobrede oder Festtagesrede richtet sich an alle Menschen und bezieht sich auf die Gegenwart, wobei auch Handlungen aus der Vergangenheit erwähnt werden können.

Zusammengefasst für die Retrospektiven:

Fragen in die Vergangenheit zielen auf Forensik und Schuld, Fragen in die Gegenwart auf Werte und Fragen in die Zukunft zielen auf Entscheidungsfindung.

Was können wir daraus lernen? Stellen Sie, wenn möglich, keine Fragen in die Vergangenheit, also nicht «Was lief schlecht?» oder «Was waren unsere Hauptprobleme?».  Diese führen früher oder später zur Frage der Schuld. Stellen Sie Fragen in die Zukunft, zum Beispiel «Was könnte verbessert werden?».

Alistair Cockburn nennt die Retrospektiven «Reflection-Workshop». Dies trifft es auf den Kopf.

In dem Sinne: Viel Erfolg bei Ihrem nächsten Reflection-Workshop – mit vorwiegend zukunftsgerichteten Fragen.

Kommentare (2)

Alain Joray

Alain Joray

22 Juni 2017 um 08:45

Ich finde deinen Ratschlag sehr gut: bei Fragen in die Zukunft geht es für mich um das lösungsfokussierte Coaching:
«Beim lösungsfokussierten Arbeiten geht es um das, was schon Goethe 1812 beschrieben hat, nämlich sich gedanklich in die erwünschte Zukunft zu versetzen. Wer ein Ziel erreichen will, weiss instinktiv auch, dass er es erreichen kann. Die Frage, warum eine Situation ist, wie sie ist, wird also ersetzt durch die Fragen, welches Ziel erreicht werden soll und wozu diese Zielerreichung dient. Das Vermeiden der Analyse der Entstehung eines Problems bringt dabei eine grosse Zeitersparnis.» Zitate aus dem Buch ‘Agile Teams lösungsorientiert coachen’ von Veronika Kotrba und Ralph Miarka.

Rick Janda

3 Juli 2017 um 17:19

Root-Cause Analyse mit Ishikawa und 5 Why ist meiner Erfahrung nach ein sehr wirkungsvolles Mittel in Retrospektiven, um ein Problem wirklich zu verstehen, bevor man über die Lösung nachdenkt.
Mit den 5 Whys frage ich jedoch ganz klar in die Vergangenheit und schaue, welche Verkettung von konkreten Ursachen und Wirkungen zu einem ungewollten Ergebnis geführt haben.

Das widerspricht damit meinem Verständnis nach Deinem Ratschlag.

In der Praxis sehe ich viele Teams, welche sich in der Retrospektive um die seriöse Problemanalyse drücken und Lösungen eher aus der Hüfte schiessen.
Das funktioniert am Anfang für die Quick-Wins, führt dann aber schnell zu Stagnation in der Team-Entwicklung.

Meiner Meinung nach entscheidet sich die Wirksamkeit von Retrospektiven nicht daran, ob in die Vergangenheit oder Zukunft gefragt wird.
Es kommt aus meiner Sicht eher darauf an, wie gefragt wird und ob die Fragen auf die Sache oder die Person zielen.
Es geht als um das Schaffen von Psychologischer Sicherheit, sodass keiner Angst hat, über Fehler zu reden.

Dann klappt es auch mit dem Lernen aus den Fehlern der Vergangenheit. 🙂

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