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Lebenskompetenz – Wer traut sich?

12 April 2016
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Lesezeit: 5 Minutes

Burnout, Work-Life-Balance und Entgrenzung der Lebensbereiche sind nur einige der Themen, die in Unternehmen berechtigterweise Beachtung finden. Viele Arbeitgeber erkennen, dass das Einbringen des vollen Mitarbeiterpotentials heute weder selbstverständlich ist, noch allein auf finanziellen Anreizen basiert. Doch welche Massnahmen können Mitarbeitende zur Höchstleistung motivieren, ohne sie innert einigen Jahren auszubrennen oder in die innere Kündigung zu treiben? Und welche davon garantieren tatsächlich Nachhaltigkeit? Zühlke ist in Zusammenarbeit mit der ZfU im Pilotkurs „Lebenskompetenz“ das Wagnis eines neuen Ansatzes gegangen.

Unzählige, meist ungenutzte Angebote versprechen Hilfe, um mit den Symptomen unseres schnelllebigen Alltags zurecht zu kommen. Über praktische Tools, Ratschläge und Methoden optimieren wir unsere Soft Skills, wobei die künstliche Trennung von Sozialem und Persönlichem in aller Regel strikte erhalten bleibt. So wird der Eindruck vermittelt, dass käufliche, schnell adaptierbare Lösungsansätze ähnlich einem Programm implementiert werden können und keine weiteren Anstrengungen seitens der Beteiligten notwendig sind. Oftmals haben diese als hoch effizient angepriesenen Kurse jedoch den Nachteil einer Radikal-Diät: Innert kürzester Zeit – teilweise bereits nach Verlassen des Kursraums – schlägt die Routine durch und wir trotten im gewohnten Stressverhalten durch die Sachzwänge unseres Lebens.

Zusammen mit einigen Kollegen hatte ich nun die Gelegenheit an dem zweitägigen Pilotkurs mit dem Titel „Lebenskompetenz“ teilzunehmen. Zwei Tagen lang durften wir uns damit beschäftigen, wie eigenverantwortlich wir mit uns selbst, unseren Ressourcen, aber auch unserer Umwelt umgehen. Dabei wurde keine leicht konsumierbare Kost serviert, die man nach dem Kurs wieder zu den Akten legt. Stattdessen wurde die Bereitschaft zur Überschreitung jener künstlichen Trennung von Sozialem und Persönlichem angestrebt. Der Begriff Lebenskompetenz scheint dabei bereits quer in der Angebotslandschaft zu liegen und lässt sich im ersten Augenblick nicht recht einordnen. Sind wir nicht kompetent genug, unser Leben zu meistern? Erstaulich, dass wir es bis heute trotzdem geschafft haben zu überleben. Und müsste dies als Privatsache nicht jenseits der Arbeitsgrenze liegen? So schlug den Dozenten eine ordentliche Mischung aus Neugier und Skepsis auf ganzer Ebene entgegen. Verschränkte Arme, Schweigen, auf die Aufforderung persönliche Erlebnisse zu berichten, Fragen, auf der Suche nach rational, distanzierter Absicherung.

So wurde die Grundhaltung jedes Einzelnen körpersprachlich analysiert und nicht wenige erkannten, wie gross ihr eigener Einfluss auf ihre Umwelt allein durch die Körperhaltung ist. Da wird auf einmal deutlich, dass das unbewusst erhobene Kinn, der unbeabsichtigt bohrende Blick oder das von oben herab Schauen das Gegenüber auf unbewusste Art provoziert und den Gesprächspartner in Handlungszwang setzt. Die Analyse der eigene Grundhaltung mag so zur Frage führen: wer bin ich eigentlich wirklich und was tue ich tatsächlich? Die gute Nachricht, über eine bewusste Körpersprache selbst aktiv Einfluss nehmen zu können, hat jedoch einen unangenehmen Haken: Wir werden gnadenlos auf unsere Eigenverantwortung verpflichtet.

Nun könnte man annehmen, dass in unserem beruflichen Alltag sachliche Aspekte, Fakten und Objektivität entscheidend sind. Betrachten wir allerdings die Ergebnisse der körpersprachlichen Analyse, so wird schnell klar, dass jede Kommunikation nicht auf die Sachebene beschränkt werden kann. Stets spielt das Menschliche, Persönliche und damit die Beziehungsebene mit. Noch bevor wir uns versehen, haben wir durch unsere Haltung, unseren Blick und unsere Selbstdarstellung unser Gegenüber überzeugt oder zur Weissglut gebracht, haben positive Emotionen geweckt oder den berühmten Knopf gedrückt, der das Fass zum Überlaufen bringt. Schneller als wir es jemals denken können, nimmt der Körper kleinste körpersprachliche Äusserungen wahr und reagiert ebenso rasch darauf. So kommen wir nicht umhin zu akzeptieren, dass unsere heiss geliebte Objektivität lediglich ein Konstrukt in unserem Kopf ist, das mit der Realität wenig gemein hat. Unsere Subjektivität ist unser steter Begleiter, der sich überall ungefragt einmischt. Wir können diese Tatsache ignorieren, auf unserer Objektivität beharren und dem Gegenüber die Schuld für misslungene Kommunikation zuweisen, oder aber die Tatsache unserer einmaligen Persönlichkeit akzeptieren und die Verantwortung für unser bewusstes und unbewusstes Verhalten übernehmen. Denn auch wenn vieles unbewusst abläuft, haben wir die Möglichkeit über Reflexion und Selbstbeobachtung kleine Änderungen vorzunehmen, die massive Auswirkungen auf den Kommunikationsverlauf haben können. Aber wer greift sich schon gerne an die eigene Nase? Wo es doch viel einfacher ist, weiter fremdbestimmt durchs Leben zu rauschen und die Schuld beim Anderen zu suchen.

In besagtem Kurs wurden wir so auch auf die Pendenzen-Liste unseres Unterbewusstseins aufmerksam gemacht. Unerledigtes, noch nicht Verarbeitetes kann sich in unserem Alltag immer wieder belastend auswirken, ohne dass uns dies tatsächlich bewusst wird. Dabei ist nicht jede Pendenz gleich ein grosses Trauma. Oft kann sie über ein wenig Selbstreflexion, einen lauten Schrei im Auto oder ein klärendes Zwiegespräch mit den Verursachern aufgelöst werden. Waren wir als Kursteilnehmer zu so viel persönlicher Betroffenheit tatsächlich bereit? Und auch hier stellte sich wieder die Frage: will ich dies wirklich in diesem beruflichen Rahmen diskutieren?

Selbstverständlich kam auch zur Sprache, dass viele ihre Arbeit oft gedanklich oder physisch mit nach Hause nehmen. Diese Tatsache wird nicht selten mit Selbstverständlichkeit, fast schon stolz-geschwellter Brust, bekundet. Doch im Kurs erntete diese Aussage einen erstaunten Blick und wir mussten uns der fast schon unerhörten Frage stellen: „Kann es sein, dass du den falschen Job hast, wenn du deine Arbeit nicht während der Arbeitszeit erledigen kannst?“ – Autsch! Hier wurden wir erneut mit einer Frage konfrontiert, welche so manche persönliche Grundfeste aus den Angeln hebt. Ging es um Work-Life-Balance? Weit gefehlt! Wer Work-Life-Balance sucht, begeht bereits den ersten rudimentären Denkfehler. Denn Arbeitszeit ist Lebenszeit, kein Entweder-Oder, und am Ende des Monats sollten wir kein Schmerzensgeld für entgangene Lebenszeit erhalten, sondern die finanzielle Anerkennung für den Einsatz unserer Ressourcen und die Zur-Verfügung-Stellung besagter Lebenszeit. Und hier war sie wieder, die magische Frage: wer bin ich wirklich und was tue ich tatsächlich?

Kenne ich meine Ressourcen und nutze ich sie tatsächlich auf die Art und Weise, die mich glücklich macht? Oder lasse ich mich von Sachzwängen und jahrelanger Sozialisation in eine Ecke drängen? Leben wir schon oder arbeiten wir noch? Mein Arbeitgeber stellt hoch qualifizierte Personen an, die bereit sind, sich engagiert und motiviert in ihre Aufgabengebiete einzubringen. Doch Zühlke hat auch erkannt, dass diese Personen schnell ausgebrannt sind, wenn sie einige Jahre hochtourig einer golden, unerreichbaren Karotte hinterher laufen. Viele Unternehmen und Arbeitnehmer befinden sich in einer solchen Situation, aus der beide Seiten mit Verlust aus dem Rennen gehen. Die Förderung einer bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenskompetenz hingegen ermöglicht es dem Arbeitnehmer, seine Eigenverantwortung wahrzunehmen. Er kann das, was er tut, mit wohldosiertem, nachhaltigem Einsatz seiner Ressourcen tun und daran wachsen, statt auszubrennen: Zum eigenen Wohl und dem des Unternehmens.

Und so wurden wir zwei Tage lang mit Fragen gefüttert, die wie magischer Kaugummi immer mehr Geschmack bekommen und zäh im Geist kleben blieben. Ob der Kurs selbst ein Erfolg war, mag unterschiedlich beurteilt werden. Für den einen war der Geschmack des Kaugummis passend, bei anderen mag er zu Übelkeit und heftigem Brechreiz geführt haben. Die Tatsache jedoch, dass ein Unternehmen den Mut aufbringt das Wagnis eines solchen Kurses und der damit verbundenen Diskussionen einzugehen verdient Respekt. Denn die Antwort auf die Frage „Was tue ich und tue ich was ich wirklich will?“ muss nicht immer positiv für die aktuelle Arbeitssituation ausfallen. Ein Arbeitgeber, der seinen Mitarbeitenden offen diese Eigenverantwortung zugesteht, wenn nicht gar abverlangt, geht damit sicher ein Wagnis ein. Der eine oder andere wird vielleicht weniger Überstunden machen oder gar Überlegungen zu einer beruflichen Veränderung anstellen. Doch letztendlich wird das eigenverantwortlich eingebrachte Potential massiv nachhaltiger und leistungsstärker ausfallen, als bei der Jagd nach jener imaginären goldenen Karotte.

Ganz nach dem Motto: Love it – change it – leave it – but never get stuck in the Twilight-Zone. Diese bleibt den Untoten vorbehalten: Den Zombies, deren Leben erst nach der Arbeit beginnt.

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