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The Future of Industry

Ist die Schweiz wirklich Innovationsweltmeister?

22 Februar 2019
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Lesezeit: 4 Minutes

Aktuelle wirtschaftliche und technologische Entwicklungen verändern ganze Ökosysteme und setzen insbesondere exportorientierte Branchen wie den Maschinen- und Anlagenbau unter massiven Innovationsdruck. Auch für die Schweiz als Hochpreisland ist die eigene Innovationskraft der Schlüssel, um in einer weltweit aggressiven Preispolitik bestehen zu können. Laut dem Globalen Innovationsindex 2018 sollte das der Schweiz eigentlich keine Sorgen bereiten: zum achten Mal in Folge wurde sie zum innovativsten Land der Welt gekürt. Doch was sagt dieser Titel aus? Und wird ihm die Schweiz tatsächlich gerecht? Rolf Höpli, Industrie-Experte bei Zühlke, erklärt, was erfolgreiche Innovation wirklich ausmacht.

Die Schweiz wurde 2018 zum achten Mal in Folge zum «Innovationsweltmeister» gekürt. Was bedeutet dieser Titel?

Rolf Höpli: Der Globale Innovationsindex wird jährlich von der Cornell University, INSEAD und der World Intellectual Property Organization veröffentlicht und bewertet anhand von verschiedenen Indikatoren die Innovationskraft einer Volkswirtschaft. Unter anderem wird der internationale Vergleich der Innovationsfähigkeit eines Landes anhand der Anzahl eingereichter Patente gemessen. Eine hohe Zahl an angemeldeten Patenten ist grundsätzlich ein positives Zeichen, da dies von der Kreativität und geistigen Schaffenskraft eines Landes zeugt und damit auf eine hohe Innovationskraft hinweist. Wenn man sich die Rangliste aber etwas genauer anschaut erkennt man, dass nicht alle Patente, die eingereicht werden, mit Innovation, sondern oft auch mit anderen Themen wie Markenrecht oder Verfahrensschutz zu tun haben. Für mich greift es daher zu kurz, die eingereichten Patente eines Landes als Gradmesser für Innovation heranzuziehen.

Woran lässt sich denn eher erkennen, wie viel Innovationskraft ein Land oder ein Unternehmen hat?

Zentral ist für mich die Frage, wie die geschaffenen Innovationen bei den Konsumenten ankommen und ob sie in unserem alltäglichen Leben eine Verhaltensveränderung hervorrufen. Damit neue Produkte und Services erfolgreich sind, müssen sie ein echtes Bedürfnis am Markt bedienen und wirtschaftlich tragfähig sein. Innovativ sein heisst nicht nur Neues zu schaffen, sondern vor allem Mehrwert zu generieren. Dabei gibt es verschiedene Abstufungen von Innovation: die erhaltende (sustaining), die effizienzsteigernde (efficiency enhancing) und die umwälzende (disruptive) Innovation. Erstere gehören zu den lebensverlängernden und margenerhaltenden Innovationen, während die disruptive Innovation etwas grundlegend Neues hervorbringt. Und genau hier wird es wirklich spannend: Unternehmen, die es schaffen, solch fundamentale Neuerungen hervorzubringen und damit die Welt zu verändern, sind an der Spitze ihrer Innovationsfähigkeit.

Wie beurteilst du die Innovationskraft der Schweiz in diesem Kontext?

Im Grossen und Ganzen ist die Schweiz was ihre Innovationsfähigkeit angeht, solide aufgestellt. Viele Schweizer Firmen besitzen eine gute Innovationskultur und sind stark darin, ihre Produkte und Prozesse zu optimieren. Aber bei den umwälzenden, den disruptiven Innovationen, sind uns andere Länder wie China und die USA um Längen voraus. Hier sehe ich noch grosses Aufholpotential. Schweizer sind geniale Tüftler, doch oft bleibt der Fokus lediglich auf der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen für den eigenen, kleinen Markt. Der globale Gedanke, die Vehemenz und der Anspruch, mit einer Innovation den ganzen Weltmarkt – und nicht nur die Schweiz oder Europa – zu erobern, fehlt uns heute oft noch. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Entwicklungen in der Uhren- und Finanzindustrie. Obwohl die Schweiz in beiden dieser Branchen federführend ist, wurden bedeutende Produktinnovationen wie die Smart Watch oder die neuen, digitalen Zahlungsmethoden durch andere Länder und teilweise sogar durch andere Branchen entwickelt. In diesem Kontext glaube ich schon, dass die Schweiz als «Innovationsweltmeister» ihr Potential noch viel stärker ausschöpfen und mit etwas mehr Dynamik und Aggressivität im Weltmarkt auftreten sollte.

Für Branchen wie den Maschinen- und Anlagenbau, die einem hohen Kosten- und Effizienzdruck ausgesetzt sind, ist der Innovationsdruck besonders hoch. Wie schätzt du die Innovationsfähigkeit dort ein?

In der Schweiz aber auch in Deutschland und Österreich sind gerade Industrie-Firmen, die besonders produktspezifisch denken und arbeiten, sehr gut darin, Produkte weiterzuentwickeln und deren Lebensdauer zu verlängern, indem beispielsweise neue Features hinzugefügt oder die Herstellungskosten gesenkt werden. Mit der Weiterentwicklung der Mechanik, der Elektronik oder dem Einsatz von Embedded Software werden die Produkte so optimiert, dass sie möglichst lange im Markt gehalten werden können. Allerdings sehen wir oft, dass viele Industrie-Firmen zwar auf den Zug der Digitalisierung aufspringen und ihre Produkte und Geräte vernetzten, allerdings noch nicht verstehen, wie sie die dadurch generierten Daten optimal nutzen und wirklichen Mehrwert generieren können. Diese fehlenden Kompetenzen hindern viele Firmen aktuell noch daran, die Möglichkeiten der Digitalisierung gewinnbringend zu erschliessen und sich weg von einem reinen Produktehersteller, hin zu einem intelligent vernetzten Serviceanbieter zu bewegen, der mit datengetriebener Innovation einen wirklichen Zusatznutzen schafft. Genau das ist allerdings entscheidend, um mit der eingangs genannten Aggressivität auftreten und mit Innovationen den Weltmarkt erobern zu können.

Mit welchen Massnahmen können Unternehmen ihre Innovationskraft optimal ausschöpfen?

Im DACH-Raum und insbesondere in der Schweiz, wo wir uns preislich am oberen Kostenlimit bewegen und die einzigen Rohstoffe unsere kreativen Köpfe und Ideen sind, ist es notwendig, dass sich Unternehmen sehr früh und regelmässig damit beschäftigen, was die nächsten grossen Innovationen und Trends im Markt sind, wie diese die Entwicklung der eigenen Firma beeinflussen könnten und welche Innovationen durch das Unternehmen selbst hervorgebracht werden könnten. In sogenannten «Nightmare-Workshops» sollten Zukunfts-Szenarien zu den grossen Hype-Themen regelmässig durchgespielt, bewertet und entsprechende Massnahmen frühzeitig ergriffen werden. Wir treffen oft auf die Situation, dass sich Unternehmen aufgrund des relativ stabilen Marktes nicht gezwungen sehen, grosse Innovationsprojekte zu initiieren. Doch die Erfahrung hat gezeigt, dass sich heute auch erfolgreiche und gut etablierte Firmen fragen müssen, wie neue Technologien und Entwicklungen das eigene Geschäftsfeld umwälzen könnten – und zwar kontinuierlich und nicht erst, wenn diese im Alltag angekommen sind. Denn werden diese Fragen nicht oder zu spät adressiert, werden die Antworten früher oder später garantiert von einem Konkurrenten geliefert.

Ansprechpartner

Schweiz

Director Business Development

Rolf Höpli

Deutschland

Director Business Development

Gerald Brose

Österreich

Business Development Manager

Bernhard Zimmermann

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