en
de
Teil 1: das Dilemma

Industrial Internet of Things? Get Real!

5 Oktober 2017
| |

Träumen Sie als Komponentenhersteller gerade von einer eigenen digitalen Plattform, die Sie näher zum Endkunden bringt („Customer Touchpoints“), die Ihre Industrie-4.0-Vision mit schicken Apps in seine Hosentasche zaubert („IoT“) und die Sie an die Spitze Ihrer Branche katapultiert („Disruption“)? Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich erkläre Ihnen auch gerne, warum.

Kleines Rädchen – große Erwartungen im Industrial IoT

Erfolg hat immer viele Väter und Mütter. So ist das auch bei einer im Markt erfolgreichen Maschine: Ein OEM baut eine ingenieurmäßige Meisterleistung aus vielen Komponenten zusammen, die von anderen führenden Unternehmen wie Ihnen entwickelt und zugeliefert worden sind. Wir bestaunen de facto das Ergebnis von unternehmensübergreifendem Teamwork, jahrzehntelanger Kooperation und eine Koordination über Märkte, Standards und de-facto Standards. Jeder ist ein Rädchen in einem erfolgreichen, fein abgestimmten System, das wir als Wertschöpfungskette bezeichnen.

Und nun klopft die sogenannte Digitalisierung an die Tür und alle Rädchen träumen plötzlich davon, das System zu werden? Wie soll das gehen? Wie könnte hier bei n Akteuren (Hersteller und Zulieferer) nicht mindestens n-1-mal Enttäuschung vorprogrammiert sein?

Dabei sind Ihre Hoffnungen durchaus nachvollziehbar: Wurden nicht auch in anderen Branchen komplette Märkte durch digitale Technologien auf den Kopf gestellt? Disruption im Stile von AirBnB, Uber und Facebook sind daher in aller Managementmunde – auch bei Industrieunternehmen. Das betörend attraktive daran: Es gibt in diesen Plattform-Märkten wegen der lawinenartigen Netzeffekte eine „The-Winner-Takes-it-All-Logik“, die astronomische Gewinne und eine marktbeherrschende Position verspricht. Wenn man das doch nur auf B2B-Produkte wie Industriemaschinen und -Komponenten übertragen könnte… $$$

Ich will es an einem Beispiel konkreter machen: Nehmen wir eine Fräsmaschine. Diese besteht u.a. aus Antrieben, einem Fräskopf sowie einer Kühlung – alles Maschinenteile, die wiederum aus Pumpen, Motoren, Kugellagern etc. zusammengebaut sind. Die Zulieferer all dieser Komponenten arbeiten aktuell wie Sie auch daran, ihre Produkte „smart“ zu machen. D.h. es wird versucht, Bauteile mit Sensorik und Software auszustatten und mittels eines Gateways zu vernetzten, um Daten in einer Cloud zu sammeln, aus denen wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden („Data Analytics“). Erkenntnisse, die dem Kunden als Mehrwert beispielsweise in Form von Apps oder als Services angeboten werden.

Come on, get real! Spätestens jetzt muss ich Sie aus Ihren Träumen reißen, denn die Wunschvorstellung hat ganz offensichtliche Haken:

  • Welcher OEM möchte diverse Gateways seiner Subkomponenten in seiner Maschine verbauen, zumal er selber gerade an seiner eigenen IoT-Lösung bastelt?
  • Welcher Betreiber möchte pro Maschine diverse Internetzugänge öffnen, um Daten rauszulassen?
  • Wie grässlich wird die „User Experience“, wenn der Nutzer für alle Komponenten seiner Maschine unterschiedliche Apps oder Portale überwachen soll?
  • Jeder Maschinenbauer hat n Zulieferer und jeder Zulieferer bedient m Maschinenbauer. Diese n:m-Komplexität ist der Genickbruch für den Versuch eines One-Size-Fits-All-Ansatzes.

Ich plädiere hier für mehr Demut: Gegenüber der Komplexität Ihrer Wertschöpfungskette; gegenüber dem, was Ihr Unternehmen und Ihre Mitarbeiter leisten können und gegenüber dem, was der Kunde von Ihnen wirklich will. Aber der Reihe nach, beginnen wir mit der Hardware. Dass Maschinen zukünftig vernetzt sein werden und Daten liefern, halte ich für unstrittig. Die Frage ist jedoch: Wer ist in dem Gewerk dazu prädestiniert, die Vernetzung zu ermöglichen und wie können andere Akteure in der Wertschöpfungskette diese Vernetzung nutzen? Das Mitliefern eines eigenen Gateways zu jeder Komponente ist definitiv nicht „smart“.
Und wie sieht es mit den Daten aus? Wie können Komponentenhersteller, Maschinenbauer und Betreiber die für Sie relevanten und bestimmten Daten bekommen, ohne die Datensicherheit zu gefährden? Wie sieht eine kontrollierbare, aber flexible Architektur aus?

Es geht weniger um eine technische Lösung, – vielmehr um die Schaffung eines Ökosystems mit mehreren Parteien, das offen und erweiterbar ist. Doch da stellen sich natürlich gleich weitere Fragen: Wie und über wen erhält der Kunde die für ihn relevanten und integrierten Informationen? Wer hat die begehrte Kundenschnittstelle und wie sehen Anreize für die anderen Akteure in der Wertschöpfung aus, die nun (doch) nicht den angestrebten „Customer-Touchpoint“ erhalten?

Hierzu eine Analogie aus der PC-Welt. Microsoft und Apple sind für ihren Erfolg und ihre unterschiedlichen Philosophien bekannt: Microsoft mit einem offenen System, bestehend aus dem Betriebssystem Windows und einer beliebigen Hardware von Dritten, um die Marktdurchdringung zu beschleunigen. Apple hingegen schwört auf ein integriertes System mit Hard- und Software aus einer Hand, um dem Kunden die beste User Experience zu bieten. Das oben skizzierte Industrial-IoT-Beispiel würde den Microsoft-Ansatz noch weiter treiben, da sowohl die Hardware als auch die Software von verschiedenen Akteuren kommen würden und erst beim Betreiber „irgendwie“ integriert werden müsste. Die Usability für den Endanwender kann da nur schlecht werden.

Um aufzuzeigen, wie es gehen könnte, möchte ich fünf Thesen postulieren. Eine wirklich nachhaltige Lösung müsste folgende Eigenschaften in sich vereinen:

  1. So wie Maschinen arbeitsteilig gebaut werden, muss auch die Digitalisierung arbeitsteilig erfolgen: Jeder trägt etwas bei, jeder erhält einen Anteil der Wertschöpfung und der Kunde erhält eine möglichst gut integrierte Lösung von wenigen, kompetenten Ansprechpartnern.
  2. 99 % der Unternehmen müssen sich damit abfinden, dass Sie sich durch die Digitalisierung „nur“ erfolgreich im Wettbewerb behaupten, aber nicht neues Geschäft in ganz neuen Größenordnungen generieren.
  3. Der Kunde bestimmt, wer die Kundenschnittstelle haben wird. Das wird in der Regel derjenige sein, der sie auch heute schon hat, also der Handel oder der OEM.
  4. Es werden Mechanismen benötigt, welche die Disposition der Daten an die verschiedenen Akteure sicher und nachvollziehbar organisiert. Ansatzpunkte dafür sind eine Datentreuhand oder Smart Contracts, z.B. auf Basis einer Blockchain-Technologie.
  5. Es müssen Anreize für die Akteure in der Wertschöpfungskette geboten werden, welche die Kosten jedes einzelnen deutlich überkompensieren.

Im 2. Teil des Blogartikels, welcher voraussichtlich im November erscheint, werde ich eine solche Lösungsarchitektur skizzieren.
Möchten Sie informiert werden, wenn Teil 2 des Blogartikels erscheint? Dann geben Sie uns bitte hier Bescheid und wir senden Ihnen eine kurze Mail, sobald der Artikel publiziert wird.

Kommentare (2)

Roland Riedel

6 Oktober 2017 um 11:41

Sehr klare Botschaft! Ich kann Moritz Gomm nur zustimmen und möchte ergänzen: In vielen derzeitigen technologiegetriebenen Digitalisierungsinitiativen im Maschinenbau wird eine sehr grundsätzliche Frage übersehen: Wie sieht eigentlich das Geschäftsmodell und der Zielmarkt des Maschinenbauers in Zukunft aus? Will der Kunde eigentlich noch eine Maschine kaufen und betreiben oder vielmehr gerne das Ergebnis, das die Maschine produziert? Wenn man Uber und AirBnB in Manager-Runden bemüht, dann doch bitte im ganzen Bild. Wie war das: „AirBnB ist der größte Gästebettenanbieter, besitzt aber kein einziges Hotel.“ Ansonsten wird es bei ein paar netten mehr oder weniger integrierten digitalen Gimmicks bleiben, für die der Kunde bestenfalls einen kleinen Aufpreis zahlt – solange bis der Wettbewerb sie auch anbietet. Die digitale Disruption kommt dann von woanders.

Moritz Gomm

Moritz Gomm

7 Oktober 2017 um 14:02

Herr Riedel, ich bin ganz Ihrer Meinung. Die Analogien aus der reinen Online- oder Consumer-Welt passen zum Teil nicht wirklich oder sie werden nicht zur letzten Konsequenz zu Ende gedacht, sondern man bleibt so halb am alten Geschäftsmodell kleben.

×

Updates

Schreiben Sie sich jetzt ein für unsere zwei-wöchentlichen Updates per E-Mail.

This field is required
This field is required
This field is required

Mich interessiert

Select at least one category
You were signed up successfully.