Pharmaindustrie im Umbruch

Digitale Implantate: Heilung von Innen

„Medikamente lassen sich nicht digitalisieren“ – von wegen. Auch die Pharmaindustrie befindet sich mitten im Umbruch – nicht zuletzt dank findiger Start-ups, die auch die etablierten Geschäftsmodelle in diesem Bereich unterminieren.

Heute wird das Bild immer klarer, wie sich die Digitalisierung der Pharma-Industrie vollziehen könnte.
In dieser Artikel-Serie zeigen wir, wie sich dieses Bild für uns darstellt – was wir heute schon sehen und was sich in Zukunft daraus entwickeln könnte. Nach dem wir in den beiden ersten Teilen über Mobile Apps und Wearables geschrieben haben, befassen wir uns im dritten Teil mit digitalen Implantaten.

Digitale Implantate messen im Körper und steuern Nerven

Digitale Implantate haben durch die kontinuierliche Blutzuckermessung (CGM) in den vergangenen Monaten eine relativ große Bekanntheit bekommen. Es handelt sich dabei um kleine digitale „Diagnostik Labore“, die ganz oder teilweise im Körper eingesetzt werden. Noch bekannter und bereits gut etabliert sind Herzschrittmacher, die mit elektrischen Signalen Herzmuskeln ansteuern.

Doch wollen Patienten überhaupt Implantate nutzen? Das Einsetzen stellt ein Risiko da, dass den Nutzen aufwiegen muss. Wahrscheinlich wird die Schwere der Krankheit darüber entscheiden, ob ein Implantat die richtige Wahl ist. Ein großer Vorteil gegenüber herkömmlichen Medikamenten ist aber oft: Implantate befinden sich direkt am Ort des Geschehens und können sehr zielgerichtet dort wirken. Eventuelle Nebenwirkungen im Rest des Körpers können so deutlich reduziert werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass Implantate rund um die Uhr arbeiten und die Patienten daher auch permanent schützen. Dazu kommt, dass für die automatisierten Funktionen eine fehlerhafte Handhabung durch den Patienten ausgeschlossen wird.

Darüber hinaus gelten auch für Implantate die Vorteile, die die digitale Medizin generell bietet: Mittels Updates können die Anbieter schnell auf neue medizinische Erkenntnissen reagieren. Und begleitende Apps können Patienten besser über ihre Therapie informieren und ihnen Sorgen nehmen. Das alles kann zu größeren Behandlungserfolgen beitragen und damit letzten Endes dazu, dass Therapien durch Implantate erfolgreicher werden.

Continous Glucose Monitoring

Der Markt für eine kontinuierliche Glukosemessung wurde von Abbott durch das Produkt Freestyle Libre  aufgemischt. Es handelt sich um eine gute Lösung mit sehr geringen Kosten. Die Elektronik wird vom Patienten für einige Wochen am Körper getragen. Beim Befestigen setzt er selbst den Sensor in den Körper ein. Eine typische Alternative, die in den Körper für einige Monte implantiert wird, ist die CGM Lösung von Roche. Sie besteht aus einem implantierbaren Sensor sowie einem abnehm- und aufladbaren Smart Transmitter mit Vibrationsalarm.

Bei solchen InVivo-Diagnostik-Implantaten, die den Blutzuckerwert im Körper messen, ergibt sich gegenüber der InVitro-Diagnostik mit Blutmessstreifen der Vorteil, dass viel häufiger gemessen werden kann. Aus den vielen Messpunkten können Trends erkannt und Vorhersagen getroffen werden. Damit geht der Nutzen weit über die bloße Information hinaus. Die Patienten haben die Chance, ihre Therapie so zu optimieren, dass sie mit weniger Spätschäden rechnen dürfen.

Galvani plant eine ganze Reihe von Anwendungsgebieten

Der Herzschrittmacher ist ein gutes Beispiel für ein digitales Implantat, dass mit Hilfe von elektrischen Reizen Steuerungsfunktionen im menschlichen Körpers übernimmt. Diese Technik ist bereits seit Jahren etabliert. Vergleichsweise neu sind Bestrebungen, künstliche Elektronik sehr nah an die menschlichen Nervenzellen zu bringen und einzelne Signale aufzunehmen oder zu senden. Es wäre dann denkbar, biologische Signale zu übersteuern und damit zu verändern.

Das Unternehmen Galvani, an dem GSK 50% Anteil hat, arbeitet an einer Lösung, in der digitale Steuersignale direkt mit den Nerven interagieren. Dadurch können sie überflüssige Signale, beispielsweise Phantomschmerzen, eliminieren. Eine andere Möglichkeit, die sich aus diesem Ansatz ergibt, ist es, falsche Signale zu korrigieren.

Eine mögliche Anwendung wäre etwa die Veränderung des Blutdrucksignals von der Niere. Wenn dies gelänge, könnten Blutdruckmedikamente für viele Patienten überflüssig werden. Galvani denkt an sehr viele Krankheiten, die mit digitalen Signalen geheilt werden könnten. Insbesondere Schmerzen könnten damit sehr präzise ausgeschaltet werden, ohne den ganzen Körper schmerzunempfindlich zu machen.

Wichtig ist es, an dieser Stelle auch auf den Aspekt der Cyber Security einzugehen. Dieses Thema hat bei Implants naturgemäß einen hohen Stellenwert. Es wäre riskant, wenn ein solches Device durch externe digitale Zugänge gehackt würde. Der Hacker hätte eine sehr große Macht über den betroffenen Patienten.

Digitale Implantate ermöglichen Data Science und neue Geschäftsmodelle

Digitale Implantate ermöglichen Echtzeitlösungen für bessere Diagnostik und ganz neue Therapieformen: Für die Patienten liegen die Vorteile auf der Hand. Doch wie sieht es mit den Anbietern aus?

Die profitieren nicht nur davon, ihren Kunden innovative und wirksamere Therapien mit weniger Nebenwirkungen anbieten zu können. Sie erhalten zudem wertvolle Daten, die ihnen einen Vorsprung gegenüber dem Wettbewerb verschaffen können. Zum Beispiel, indem sie aus diesen Daten und den Bewertungen der Nutzer lernen. So kann ein enger Kontakt entstehen, der beispielsweise durch den Einsatz von Chatbots noch ergänzt werden könnte. Dazu kommt: Da fast alle digitalen Implantate über Apps verfügen, könnten damit auch neue Vertriebs- und Bezahlmodelle angeboten werden. Hier hat die Pharmaindustrie die Chance, von anderen Branchen zu lernen, die in der Digitalisierung schon weiter sind.

Fazit: Die Anbieter von digitalen Implantaten können sich wertvolle Wettbewerbsvorteile sichern – was die Branche vollkommen umkrempeln kann und dauerhaft verändern wird.

Die Digitalisierung von Geschäftsmodellen und wie Pharma-Unternehmen sich dieser Herausforderung, war auch das Thema meines Vortrags auf dem Health Meets Future Summit in Frankfurt am 18.06.2018. Wenn Sie per E-Mail die Folien vom Vortrag zugesandt bekommen wollen, klicken Sie hier.

Kommentare (0)

×

Updates

Schreiben Sie sich jetzt ein für unsere zwei-wöchentlichen Updates per E-Mail.

This field is required
This field is required
This field is required

Mich interessiert

Select at least one category
You were signed up successfully.