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Die zweitbeste Methode, die Zukunft vorherzusagen

15 April 2013
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Lesezeit: 4 Minutes

Alan Kay hat einmal gesagt, die beste Methode zur Vorhersage der Zukunft sei, sie zu erfinden.

Nur, was macht man, wenn man bei einem Dienstleister arbeitet, der sein Geld im Projektgeschäft verdient und nicht in der Forschung, und man trotzdem etwas über die zukünftigen Technologien herausfinden will?

Pragmatisch natürlich und leichtgewichtig sollen technologische Zukunftstrends evaluiert werden, aber gleichzeitig mit Substanz und solide, so wie es der Firmenkultur entspricht. Man macht – Überraschung – Projekte. Intern als ETC-Projekte bezeichnet, um sie von den „echten“ zu unterscheiden.

ETC steht für Emerging Technologies Center und ist bei Zühlke in Deutschland dafür zuständig, aufkommende Technologien frühzeitig zu erkennen und zu bewerten. Regelmäßig fragen wir unsere Ingenieure, was für sie vielversprechende kommende Technologien sind und in welchen Szenarien diese eingesetzt werden können. Aus den Vorschlägen wählen wir dann die interessantesten aus und evaluieren sie in kleinen Projekten, für die zwei Personen jeweils drei Wochen investieren. Die Hälfte dieser Zeit kommt aus dem Weiterbildungsbudget der untersuchenden Kollegen, die andere Hälfte legt Zühlke obendrauf. Das ist substanziell mehr als das, was in Spielprojekten nebenher möglich ist.

Soweit die Theorie. Die Praxis birgt so manche Herausforderung.

Das fängt damit an, zu definieren, was denn nun der „interessanteste“ Projektvorschlag ist. Die Sicht des Ingenieurs ist doch eine andere als die des Managers. Welcher Entwickler möchte nicht mit möglichst cooler, trendiger, abgefahrener Technologie herumspielen und schauen was geht? Die Grenzen ausloten? Auf der anderen Seite kommen dann die – berechtigten – Fragen nach Kosten, Marktrelevanz und zukünftigem Geschäft. Wir vom ETC-Kernteam haben über die Jahre gelernt, als Vermittler und Übersetzer zu fungieren, Vorschläge auf die wesentlichen Fragen zuzuspitzen, das Geschäftspotential für uns und unsere Kunden abzuschätzen. Klingt das nicht richtig fundiert? Um ehrlich zu sein: Wir lernen in jeder Runde immer wieder Neues hinzu – die Zeit bleibt nicht stehen.

Als nächsten gilt es, die ETC-Projekte mit den richtigen Leuten zu besetzen. Natürlich wollen wir die Ideengeber damit belohnen, dass sie „ihr“ Projekt auch durchführen dürfen. Leider ist das nicht immer möglich; sie sind manches Mal tief in Kundenprojekten vergraben. Zu lange können wir auch nicht warten, sonst verlieren wir den Zeitvorteil. Und nicht jeder, der gerade verfügbar ist, passt von seinem Profil. Diese Herausforderung haben wir bei der ursprünglichen Konzeption völlig unterschätzt.

Schließlich: Was heißt es, eine Technologie zu „evaluieren“?

Am Ende wollen wir belastbare Aussagen haben. Wie wir festgestellt haben, greift ein einfaches die Technologie zum Laufen zu bringen und dann zu sehen, was geht, also ein damit mehr oder weniger geordnetes Herumspielen, viel zu kurz. Unser Ansatz sieht inzwischen folgendermaßen aus: Zunächst definieren wir eine Reihe von Hypothesen, manche eher abstrakt, manche sehr konkret. Hier lohnt es sich, wirklich mutig zu sein und nicht zu verzagt. Zu jeder Hypothese überlegen wir dann, wie wir sie belegen oder widerlegen können. Häufig helfen hier Szenarien für den Einsatz der Technologie. Letztlich definieren wir eine Reihe von Tests, die wir durchführen wollen. Dann kommt viel Entwicklerhandwerk:

  • Technologie zum Laufen bekommen,
  • Hypothesentests durchführen und
  • alles geeignet dokumentieren.

Konzeptionell steht dahinter, was wir einmal auf der Universität gelernt haben. Die wissenschaftliche Methode besteht darin, Hypothesen zu bilden und diese zu verifizieren oder zu falsifizieren. Unsere Tests sind in diesem Sinne Experimente. Natürlich haben wir dabei nicht den großen wissenschaftlichen Anspruch. Der Ansatz hilft aber ungemein, statt zu diffusen Einschätzungen und Bauchgefühlen zu objektiv nachprüfbaren Aussagen zu gelangen – und dies in der begrenzten, zur Verfügung stehenden Zeit.

Ich gebe gerne zu, diese Beschreibung ist als solche doch etwas abstrakt geraten. Wie das konkret aussehen kann, ist aber Stoff für weitere Beiträge zu diesem Blog. Und ob diese Methode wirklich die zweitbeste zur Vorhersage der Zukunft ist, ist eine müßige Frage. Für uns hat sie sich jedenfalls bewährt.

Kommentare (2)

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Peter R. Egli

19 April 2013 um 08:07

Find ich grundsätzlich gut. Nur etwas gilt es zu beachten. Naturgemäss sind neue Technologien unreif, unvollständig und schwierig anzuwenden, weil die Erfahrung fehlt (Lernkurve!). Ob sich aber eine Technologie durchsetzt, hängt viel stärker vom Marktbedürfnis ab, das eine neue Technologie abdecken kann. Beispiel: Blaue LEDs waren zu Beginn unzuverlässig und leuchtschwach. Bei einer zu frühen Evaluation wäre vielleicht das Argument gewesen, die Technologie sei noch unreif. Das Marktbedürfnis war und ist aber riesig und blaue LEDs revolutionieren nicht nur den Beleuchtungsmarkt, sondern erlauben komplett neue Anwendungen (lichtspendende Wände etc.). Die Frage bei Technologien ist also vielmehr, welche konkrete Probleme sie lösen und damit wie gross das Potential ist, sich sich diese Technologien durchzusetzen. Diese Technologien müssen identifiziert und über einen längeren Zeitraum verfolgt werden.

    Bernd Löchner

    Bernd Löchner

    24 April 2013 um 07:30

    Der Kommentar spricht einen sehr validen Aspekt der Technologie-Evaluierung an. Beim Emerging Technology Center haben wir dazu den Technology-Intelligence-Prozess entwickelt. Dazu ist ein Blog-Artikel gerade in Vorbereitung.

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