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Der lange Weg zur digitalen Identität

Die Identität von Personen wurde bisher noch kaum von der Digitalisierung erfasst. Die früheren Versuche, die Identität durch Zertifikate abzusichern waren durchwegs teuer, umständlich und brachten dem Benutzer kaum Vorteile. Das dürfte sich bald ändern.

Jegliche Art von Informationen werden durch Digitalisierung auffindbar, global handelbar und jederzeit verfügbar. Dabei spielt es keine Rolle ob es sich um Fachinformationen, Bücher, Fotos, Musik, Filme oder Zusatzinformationen zu materiellen Gütern handelt. Allerdings hat sich die Identität bisher der Digitalisierung weitgehend entzogen, es gab für den Nutzer schlichtweg kaum Vorteile.

Weg vom Bild, hin zu digitalisierten Merkmalen

Eines der wichtigsten Merkmale von Identifikationspapieren war lange das Foto. Das hat sich erst mit der Einführung des biometrischen Passes geändert, denn erstmals wurden biometrische Daten zum wichtigen Identifikationskriterium erklärt. Damals ging ein Entrüstungssturm los: Weil man im Begriff war, die Sequenzierung des menschlichen Erbguts vorzunehmen, bestand die Angst, dass aus einigen Biometriedaten auch gleich Intelligenz, Gesundheitszustand und Krankheitsbilder, unter Umständen zum Schaden der Person, abgeleitet werden könnten. Inzwischen wissen wir es besser. Der Umgang mit biometrischen Merkmalen hat sich verändert und unsere Smartphones und Laptops entsperren wir nicht mehr mit einer PIN, sondern in der Regel ganz selbstverständlich mit unserem Fingerabdruck.

Wir bestellen Dinge am anderen Ende der Welt, oder erwerben digitale Güter und bezahlen mit digitaler Währung. Dabei ist die Zahlungsfähigkeit des Kunden oftmals wichtiger als seine Identität. Nicht nur der Pass und die ID, sondern auch Kreditkartennummer und PIN ersetzen hier Identifikationsmerkmale.

Wir stellen also fest, dass sich die Personenidentifikation weg von Fotos und Abbildungen und immer mehr hin zum Code oder PIN entwickelt, allenfalls noch zusätzlich ergänzt um eine Transaktionsnummer (TAN), die uns auf das Handy geschickt wird um die Sicherheit zu erhöhen.

Digitalisierung des Vertrauens

Während Geschäfte früher ausschliesslich mit bekannten Personen und lokal ansässigen Firmen abgewickelt wurden, kennen wir in einer zunehmend digitalisierten Welt unsere Geschäftspartner immer seltener. Es versteht sich von selbst, dass es dringend eine Möglichkeit baucht, um die Existenz und Vertrauenswürdigkeit von Firmen und Personen auf Distanz festzustellen. Hier sind Kauf- und Tauschplattformen vorgeprescht und haben die Möglichkeit eingeräumt, dass wir Waren oder Dienstleistungen bewerten können. Wir beurteilen inzwischen auch Restaurants, Hotels und Ferienangebote, Handwerker und Ärzte und äussern uns ob wir mit einem Service oder einer Behandlung zufrieden waren. Verschiedene Initiativen versuchen, das digitale Vertrauen weiter zu entwickeln, wobei die Verhinderung von Missbrauch und Fälschungen mit die grössten Herausforderungen sind.

Vom Schlüssel zum Zutrittsrecht

Auch im Access Management hat sich viel geändert. Musste man seinen Mitarbeitern früher noch Schlüssel zum Firmengebäude in die Hand geben, was bei Verlust sehr teuer wurde, ersetzen zunehmend Badges mit persönlichen Identifikationsnummern metallene Schlüssel. Zühlke hat hier in Zusammenarbeit mit dormakaba neue Wege beschritten und eine innovative Lösung von der Ideenfindung bis zur Entwicklung der neuen Plattform umgesetzt.

Bereits heute wäre es möglich, auf Badges zu verzichten und nur mit biometrischen Kontrollen Zugriff zu gewähren. Im militärischen Bereichen wird das teilweise schon gemacht, Stichwort: Irisscan. Temporäre Zutrittsrechte könnten so noch persönlicher verwaltet werden.  Als Beispiel registriert sich der Postbote in Zukunft einmalig und erhält dann zum Eingangsbereich der Mehrfamilienhäuser seines Rayons Zugang, nicht aber zu den Wohnungen.

Digitalisierung der Identität

In einigen europäischen Ländern ist es längst Normalität, sich über das Internet verbindlich digital auszuweisen. In der Schweiz ist es derzeit noch nicht möglich. Nach den Vorstellungen des Bundes, soll sich das jedoch bald ändern: Eine neue Vorlage zur digitalen ID soll in den nächsten Monaten vom Bundesrat präsentiert und bis 2020 bereits umgesetzt sein.

Die Stossrichtung ist definiert: Der Bund wird selbst keine digitale ID entwickeln. Das sollen private Anbieter übernehmen. Damit die Bürger trotzdem wissen, welcher Firma und welchem digitalen Ausweis sie Vertrauen schenken können, werden die einzelnen Anbieter vom Bund oder einer privaten Stelle zertifiziert.

Durch das digitale Kunden-Onboarding haben einige Banken einen mutigen Schritt in diese Richtung gemacht. Auch Zühlke ist in die Entwicklung von Video-Onboarding-Prozessen involviert. Seit 2016 kann sich eine Privatperson auf Distanz mittels Pass oder ID identifizieren und ein Bankkonto eröffnen. Biometriedaten, welche eine Identität, unabhängig von Pass und ID, bestätigen können, wie Fingerabdruck, Foto, Video, Iris- und Gesichtserkennung werden vermehrt eingesetzt. In Callcentern werden immer öfter die Stimmprofile der Kunden ausgewertet, ein akustischer Fingerabdruck, der zuverlässig verifiziert, ob der Kunde auch wirklich selbst am Telefon präsent ist.

Mehrere Grossunternehmen haben bereits begonnen, digitale Ausweise zu entwickeln: Die Post treibt mit den SBB ein entsprechendes Projekt voran. Das gilt auch für die Grossbanken UBS, Credit Suisse und den Telekomkonzern Swisscom. Zudem besteht mit der Suisse-ID eine bundesnahe Lösung. Sie ist aber trotz Fördermillionen des Staatssekretariats für Wirtschaft gescheitert, wie jüngst ein unabhängiger Bericht zeigte. Eine neue Version soll in diesem Jahr lanciert werden.

Doch auch Jungunternehmen und Startups machen den Grossen das Thema streitig: Erst kürzlich hat das Jungunternehmen Procivis angekündigt, eine digitale ID für E-Government auf Blockchain-Technologie basierend zu entwickeln. Hinter der Firma stecken der Unternehmer Daniel Gasteiger und Kaspar Korijus aus Estland. Korijus ist in seiner Heimat für die staatliche digitale Identität verantwortlich. Estland gilt als vorbildlich, wenn es um die Verbreitung der digitalen ID geht und das Projekt des 28-Jährigen erntet viel internationales Lob. Korijus wurde jüngst von der «Financial Times» auf eine Liste mit 100 Persönlichkeiten gesetzt, die Osteuropa zum Positiven verändern.

Entknüpfung von Biometrie und Ausweisdokument

Während viele Länder lokale Lösungen suchen, ist es das Ziel von Korijus Initiative, jeden Erdenbürger mit einer digitalen Identität Estlands auszustatten. Damit kann man in Estland beispielsweise über das Internet eine Firma gründen. Auf diese Weise kann die Person viel schneller und vor allem international skalieren, statt auf regionale Regulative zu warten.

Angesichts der vielen Beteiligten, die sich derzeit der digitalen Identität in der Schweiz annehmen, ist zu erwarten, dass dieses Thema mehr Zeit in Anspruch nehmen wird als geplant. Auf der anderen Seite beginnen sich Anwendungsfälle, etwa in der Sharing Economy, für die digitale Identität zu manifestieren, sodass eine schnelle Gangart angezeigt ist.

Weil digitale Geschäftsmodelle in der Regel global skalieren und nationale oder regionale Interessen übersteuern, lohnt es sich, die Perspektive zu verändern: Kann man digitale ID und den Pass entkoppeln? Was wäre wenn der Nutzer ein Interesse hätte, seine biometrischen Daten unabhängig von seiner Nationalität und seinem Pass oder ID zentral bei einer vertrauenswürdigen Stelle zu erfassen? Diese Stelle könnte dann Identifikationsautorisierungen vornehmen, welche dem Nutzer Rechte und Vorteile geben. Das können beispielsweise Sharing-Rechte (Auto, Ski, Ferienwohnungen, Bike, Velo) oder Inhalte (Zeitschriftenabonnements, Musik) oder gar monetäre Rechte sein.

Die Entwicklung hat gerade erst begonnen und es wird spannend sein, die nächsten Schritte zu verfolgen oder gar mitzugestalten, auch wenn sich vieles erst noch konkretisieren muss. Die Schweiz hat trotz ihres Rufs als eines der weltweit innovativsten Länder bislang die Chancen der Digitalisierung in diesem Bereich noch nicht ausreichend wahrgenommen. Inzwischen wissen wir, dass Lösungen mit einer optimalen und einfachen Customer Experience sich weltweit durchsetzen werden.

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