Jenseits des Bitcoin Hype

Demokratisiert Blockchain die digitalen Märkte?

14 Dezember 2017
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Lesezeit: 4 Minutes

Im Schatten des Bitcoin Hypes vollzieht sich gerade still und leise eine technische Revolution, die unsere Gesellschaft und die weitere Digitalisierung in den nächsten Jahren extrem prägen könnte. Was oft nur unter den Gesichtspunkten einer Investitionsblase diskutiert wird, hat das Potenzial, die digitalen Märkte zu demokratisieren – und könnte eine interessante Alternative zu Cloud-Lösungen bieten.

Die Technologie hinter Bitcoin

Hinter Bitcoin steckt eine technologische Bewegung, die sich unter dem Begriff Blockchain zum Ziel gesetzt hat, dezentrale Ansätze durchzusetzen, die ohne Zwischenhändler oder zentrale Plattformanbieter auszukommen will. Stattdessen wird das Peer-to-Peer-Prinzip hochgehalten: An die Stelle einer zentralen Instanz treten dezentrale Software-Komponenten, die sich im Schwarm austauschen. Anfang des Jahrtausends waren solche Ansätze mit Musiktauschdiensten wie Napster schon einmal in Mode gekommen. Allerdings wurden die damaligen Anwendungsfälle rechtlich schnell hinterfragt. In der Folge verloren dezentrale Systeme in der gesellschaftlichen Wahrnehmung schnell wieder an Bedeutung. Stattdessen kamen Mobile Apps und zentrales Cloud Computing groß in Mode.

Dessen ungeachtet, wurden in den vergangenen 20 Jahren Blockchain-Technologien weiterentwickelt. Seit Bitcoin als neues e-Gold rasant an Wert gewinnt, sind sie wieder in aller Munde. Dabei lassen sich viele Beobachter schnell von den finanziellen Reizen dieser Entwicklung ablenken. Das eigentlich Revolutionäre bleibt vielen verborgen.

Der Preis von Blockchain

Technologisch gesehen sind Blockchain-basierte Ansätze für viele Informatiker ein echter Rückschritt, was den Pionieren dieser Technologien wie Adam Ludwin von chain.com durchaus bewusst ist:

  • Blockchain verbraucht in den aktuell eingesetzten Varianten sehr viel Energie. Die darunterliegenden Konsensalgorithmen setzen rechenintensive kryptographische Verfahren ein, um das System gegen Betrug zu schützen. Diese „eingebauten Abwehrkräfte“ des Systems haben ihren Preis.
  • Blockchain-basierte Ansätze sind durch den Bedarf an verteilter Rechen-Power schwerer zu skalieren als zentralisierte Ansätze.
  • Viele Systeme haben aktuell noch eine schlechte User Experience – vieles wirkt irgendwie hakelig.
  • Die Systeme sind noch nicht reguliert – und stehen insofern auch rechtlich auf wackeliger Basis.

All dies nimmt die Szene bewusst in Kauf, um zu dezentralisieren. Als Gegenleistung erhält man einen freien Markt, der – soweit man das bis hierher beurteilen kann – gegen Zensur und Angriffe von außen gut geschützt ist. Die Selbstheilungskräfte sind quasi in das Fundament der Lösung gegossen.

Blockchain aus Anwendersicht

Dies klingt zunächst banal. Das Potenzial von Blockchain erschließt sich nicht wirklich, wenn man nur Artikel über diese Technologien liest. Geprägt durch intensiven Kontakt zu diversen Startups hatte ich deshalb im Herbst dieses Jahres beschlossen, mir ein eigenes Bild aus Anwendersicht zu machen. Ich wollte eigene Erfahrungen beim Einsatz dieser Technologien sammeln.

Eine Möglichkeit hierfür bot mir Wysker, ein Berliner Startup, das Amazon das Fürchten lehren will. Wysker setzt auf ein neuartiges Shopping-Erlebnis, wie in diesem Video zu sehen ist. Die eigentliche Revolution befindet sich aber nicht in der App, sondern unter der Haube: Wysker schafft einen Marktplatz, in dem Nutzer, Shop-Betreiber und Werbetreibende über das hauseigene WYS-Token miteinander handeln.

Whysker Chart

Quelle: Wysker

Angriff auf Amazon und Google

Dabei wird nicht nur streng auf den Datenschutz geachtet. Der Nutzer soll auch wieder die Kontrolle darüber erhalten, was mit seinen Daten passiert. Er soll in Tokens entlohnt werden, wenn er seine Daten bewusst weitergibt, die er auch wiederum als Zahlungsmittel im Shop einsetzen kann. Man greift mit diesem Konzept also nicht nur Retail-Plattformen wie Amazon an, sondern auch das eher undurchsichtige Anzeigennetzwerk von Google. Um an Investoren zu kommen, hat das Startup ein Initial Coin Offering (ICO) aufgesetzt, das sich derzeit im Presale befindet – und durchaus auch auf Kleinanleger und Fans ausgerichtet ist. Ich habe an diesem Presale teilgenommen, weil ich das Projekt spannend finde und ein persönliches Gefühl dafür bekommen wollte, wie sich der Erwerb und der Umgang mit Tokens anfühlt. Die durchaus gemischten Gefühle dabei habe ich einer recht ausführlichen Medium-Story zusammengefasst.

Trotz aller Fragezeichen, ob nun genau dieses Unternehmen wirklich erfolgreich sein wird, bleibt für mich vor allem eines: Faszination. Es ist einfach unglaublich viel Bewegung in diesem Umfeld. Zahlreiche Tools buhlen um die Gunst der User – kommerzielle genauso wie Open Source. Die Dynamik ist gewaltig. Hinzu kommt die aktuelle mediale Beachtung des Themas durch die erfolgreichen ICO, die Gefahren einer Bitcoin-Blase und so weiter. Gerade wird der Hype um Blockchain & Co. durch die kritische Berichterstattung weiter angeheizt, was viele Personen endlich einen intensiveren Blick auf das Thema werfen lässt und es ins Rampenlicht zieht.

Die nächste Generation von Blockchain

Auf Technologie-Konferenzen wie der Hub-Konferenz des Digitalverbands Bitkom Ende November wurde der Blick schon nach vorne gerichtet: Blockchain 3.0 verspricht einige der oben angesprochenen Nachteile anzugehen. Frameworks wie IOTA setzen neuartige Ledger-Verfahren ein, um einige der bisherigen Probleme anzugehen, wie auch hier schon im Zühlke Blog behandelt. Dabei haben die Macher Großes vor mit ihrer Technologie: Nichts weniger als den demokratisierten Data Lake, der uns wieder die Kontrolle unserer Daten zurückbringen soll. Bemerkenswert ist die Organisationsform hinter IOTA: Es handelt sich um eine Stiftung, die sich auch den Europäischen Datenschutzstandards (GDPR) verpflichtet fühlt. Ebenfalls erstaunlich ist die Liste der renommierten Partner (unter anderem viele Universitäten, aber auch große Firmen wie Bosch, Microsoft, Deutsche Telekom).

Während die Politik in Europa noch dafür wirbt, den US-Technologieriesen etwas entgegen zu setzen, entwickelt sich ausgerechnet in Europa und Deutschland eher bottom-up eine sehr lebendige Blockchain-Szene, wie auf diesem Foto einer der Hub-Präsentationen zu sehen:

 

Blockchain Startups

Quelle: Max Kordek

Vielfalt der Blockchain-Szene

Dabei sind die Anwendungsfelder breit gestreut. Es geht um Marktplätze für Daten, Management von Identitäten, Verleihen von Geld, Venture-Funding, Darlehen für Selbständige, aber auch viele Player, die sich als Basis-Plattformen für Dritte positionieren.

Die Möglichkeiten sind enorm. Es wird sehr spannend, wie sich dieser Trend fortentwickelt. Sicherlich wird er bald am Höhepunkt des Hype-Cycles ankommen. Es wird also demnächst auch Enttäuschungen um Blockchain geben. Dennoch bin ich mir sicher, dass wir es hier mit einem Paradigmenwechsel zu tun haben, der gut zu Deutschland und Europa passt. Als Cloud-Anbieter würde ich mich jedenfalls nicht zu sicher fühlen.

 

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