Das Wichtigste an einem Usability Test sind die Zuschauer

10 Dezember 2013
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Lesezeit: 4 Minutes

„Das Wichtigste an einem Usability Test sind die Zuschauer“. Das hat ein Kollege von mir einmal zu einem Mitarbeiter gesagt, der damit beauftragt war ein stationäres Usability Labor aufzubauen. Ist das so?

Was ist das Wichtigste an einem Usability Test?

Usability Testing ist eine bewährte Methodik um ein System (Software oder Produkt) auf dessen Usability zu untersuchen. Während des Tests führen externe Testteilnehmer möglichst unbeeinflusst realistische Aufgaben mit dem zu testenden System oder einem Prototypen durch. Ein Usability Experte analysiert im Anschluss die Tests und identifiziert und bewertet die beobachteten Schwachstellen in der Benutzung. Ist das Ziel eines Tests ein System zu optimieren, dann war der Test umso erfolgreicher, je mehr der gefundenen identifizierten Schwachstellen tatsächlich verbessert werden.

Das bedingt zum einen, dass die Tests in einer frühen Entwicklungsphase durchgeführt werden, in der noch Raum für Änderungen ist, und zum anderen, dass die Entscheidungsträger von der Notwendigkeit für Änderungen überzeugt sind. Wie können also die Entscheidungsträger überzeugt werden?

Nach meiner Erfahrung überzeugt nichts so sehr, als mit eigenen Augen zu sehen, welche Probleme es während der Benutzung gibt. Womit kämpfen die Benutzer, was fällt Ihnen schwer?

Und hier schliesst sich der Kreis: zuschauen bei einem Usability Test trägt zur Überzeugung für notwendige Änderungen bei und fördert somit die entscheidende Verbesserung des Systems. Und ja, in diesem Sinne sind die Zuschauer das Wichtigste an einem Usability Test.

Stakeholder beobachten lassen

Bei vielen Tests erlaubt der Einsatz von spezieller Usability Testing Software (z.B. Morae von Techsmith) die Live Übertragung des Tests in einen anderen Raum. In dem so geschaffenen separaten Beobachtungsraum können Zuschauer die Testteilnehmer und die Interaktion mit dem System beobachten. Der Vorteil an der Live Übertragung ist, dass die Zuschauer kommen und gehen können wie sie möchten und während des Tests beliebig kommentiert und diskutiert werden kann, ohne die Testteilnehmer und den Testablauf zu stören.

Bei einem separaten Beobachtungsraum kann bereits während des Tests diskutiert werden ohne den Testteilnehmer zu stören

In einem separaten Beobachtungsraum kann bereits während des Tests diskutiert werden, ohne den Testteilnehmer zu stören

Welche Regeln gilt es beim Zuschauen im Testraum zu beachten?

In Fällen, in denen das Übertragen in einen Beobachtungsraum nicht möglich oder gewünscht ist, können sich Stakeholder auch in den Testraum setzen.

Dann muss jedoch darauf geachtet werden, dass die Zuschauer den Testteilnehmer so wenig wie möglich stören, um den Test nicht zu beeinflussen. Aus meiner Erfahrung helfen dabei folgende Richtlinien:

  • Nicht zu viele Beobachter in den Raum setzen, je nach Person 2-3 Beobachter (incl. Testleiter).
  • Keine Beobachter dazu setzen, die einen geschäftlichen oder privaten Bezug zum Testteilnehmer haben (z.B. nicht den Chef des Testteilnehmers).
  • Während der ganzen Testsession eines Testteilnehmers dabei bleiben. Nicht zu spät kommen und auch nicht zwischendrin gehen.
  • Ruhig verhalten und auf die Körpersprache achten. Nicht lachen, nicht räuspern, nicht die Stirn runzeln, nicht verständnisvoll nicken oder herumzappeln falls es einmal langweilig wird. Nichts von sich geben, das der Testteilnehmer als Reaktion interpretieren könnte.
  • Das Handy ausschalten. Keine SMS schreiben, keine E-Mails lesen, nicht telefonieren.
  • Nicht helfen. Wir wollen herausfinden was funktioniert und wo Probleme liegen, das Ziel ist nicht, dass der Testteilnehmer alle Aufgaben erfolgreich durchführt. Es ist normal, dass man das Gefühl bekommt dem Testteilnehmer helfen zu wollen. Bitte nicht!
  • Nicht erklären warum etwas gemacht wurde. Der Testteilnehmer soll nur aufzeigen wie bedienbar es ist, nicht beurteilen ob unser Weg dorthin sinnvoll erscheint (letztendlich ist es dem Benutzer völlig egal warum etwas so geworden ist, wie es ist).
  • Keine Rechtfertigungen.

Kurz zusammengefasst: ein Pokerface aufsetzen, alles interessiert hinnehmen und nichts erklären.

Beim Beobachten im gleichen Raum gilt: Pokerface aufsetzen

Beim Beobachten im gleichen Raum gilt: Pokerface aufsetzen

Soweit so gut, aber …

Was, wenn die Stakeholder keine Zeit zum Zuschauen haben?

Haben die Stakeholder keine Zeit dem Test beizuwohnen, können Usability Experten die Tests auf Video aufnehmen und im Nachgang Highlight-Videos erstellen. Diese zeigen Ausschnitte aus den Tests, die besonders beachtenswert sind. Zum Beispiel das wiederholte Auftreten von Usability Problemen oder auch Kommentare und Reaktionen der Testteilnehmer. Die Highlight-Videos können dann in die Präsentation der Ergebnisse eingebunden werden. Viele gut geschnittene Highlight-Videos zirkulieren oft in Unternehmen und führen so zusätzlich zu einer weiteren Verbreitung der Beobachtungen.

Zuschauen ermöglichen, um Veränderungen zu bewirken

Die Entscheidung, welche Art des Zuschauens bei einem Usability Test ermöglicht wird, hängt von der technischen Infrastruktur, der Verfügbarkeit der Stakeholder und dem zeitlichen Budget für den Test, ab. Nach meinen Erfahrungen ist es in den meisten Fällen die Kombination aus einer Live Übertragung in einen Beobachtungsraum und dem Erstellen von Highlight-Videos.

Aber egal für welche Art des Zuschauens entschieden wird: wichtig ist, dass die relevanten Stakeholder einen Einblick in den Test und die Erkenntnisse bekommen, damit eine notwendige Verbesserung des Systems angestossen wird.

Weiterführende Quellen:

Snyder, Carolyn (2003). Paper Prototyping: The Fast and Easy Way to Design and Refine User Interfaces (Interactive Technologies). Morgan Kaufmann.

TechSmith, Morae, User Experience and Market Research. http://www.techsmith.com/morae.html

Pixar „Lifted“ auf Youtube http://www.youtube.com/watch?v=pY1_HrhwaXU

Kommentare (3)

Kathrin Wolf

16 Dezember 2013 um 18:31

Sehr schöner Artikel und noch dazu sehr unterhaltsam! Die Skizzen sind absolute Spitze, ein Comiczeichner hätte es nicht besser machen können!

[…] Das Wichtigste bei einem Usability-Test sind die Zuschauer. […]

Florian May

19 Januar 2014 um 13:17

Ja, sicher.. es sind die Zuschauer.. aber da kommen Fragen auf…

Wenn ich der Meinung bin, daß ich eine Anwendung vom Design her so auf die Beine gestellt ist, daß sie verständlich ist – und 15 Tester sagen mir 15 versch. Dinge – dann frage ich mich schon, ob ich überhaupt was davon entgegen nehmen soll – oder einfach mal „mein Ding“ durchziehen – sicher.. auch ich kann nur etwas „subjektiv“ bauen – aber Menschen sind so unterschiedlich… daß ich mich schon frage, warum ich welchen Vorschlag für ein Produkt übernehmen soll….

Außerdem… – wenn man ein Produkt baut – welches sich (im ersten Schritt) Dritten nicht direkt erschließt (weil es vielleicht bestehende Ansätze bewußt über den Haufen wirft – darin aber sehr gut ist – so, wie eben apple mit einem „Wischtelefon“ Nokia vom Markt getrieben hat..) – wie bekommt man es hin, super einfache Hinweise in einem Werkzeug einzubauen, daß eben jeder sofort kapiert.. wo es lang gehen muß.. ich spiele schon mit dem Gedanken, daß ich irgendwo „Sprechblasen“ einbauen lasse.. die den Nutzer am Anfang führen….

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