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Brauchen wir die Retrospektiven?

24 März 2015
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Lesezeit: 3 Minutes

Während die Teilnehmer der Retrospektive am Schreiben sind, frage ich mich als Moderatorin, was los ist. Mein Team ist super, alles engagierte Leute und eine Offenheit, die mich immer wieder überrascht. Und trotzdem ist an dem, was wir heute besprechen, wenig dran. Seit drei oder vier Retrospektiven beobachte ich das Phänomen: Mit jeder Durchführung kommt weniger ans Licht, es wird langsam schwierig, überhaupt eine Diskussion zum Laufen zu bringen. Nicht weil sich jemand scheuen würde, etwas anzusprechen, sondern weil wir scheinbar nichts zu besprechen haben.

Aus anderen Teams höre ich Ähnliches. Manche Teams haben nur ein Thema, das immer und immer wieder auftaucht, und das sie schon lange nicht mehr diskutieren wollen. In manchen Teams gibt es kaum unterschiedliche Meinungen, die Diskussionsstoff liefern könnten.

Früher oder später regt jemand eine (zumindest temporäre) Abschaffung der Retrospektive an. Die Wortmeldungen in der darauf folgenden Diskussion sind vielfältig:

  • Wir machen die Retrospektive einfach nach Bedarf.
  • Wenn wir die Retrospektive nicht regelmässig machen, fehlt uns dann, wenn wir sie brauchen, die Routine, um sie auch wirklich sinnvoll durchzuführen.
  • Retrospektiven sind zu teuer, um sie durchzuführen, wenn es weder Bedarf noch richtige Resultate gibt.
  • Wir haben die Retrospektive nicht nötig, weil wir Probleme fortlaufend angehen und damit nicht bis zur Retrospektive warten.
  • Es ist doch nicht so dringend, sich ständig immer noch mehr zu verbessern.
  • Wir machen die Retrospektiven, denn schliesslich muss gemacht werden, was im Kalender steht.

Ziel der Retrospektive

Scrum hat drei Mechanismen für „Inspect and Adapt“ (siehe Scrum Guide): Sprint Planning/Sprint Review, Daily Scrum und Retrospektive.

  • Das Tandem von Sprint Planning und Sprint Review kümmert sich darum, dass das Produkt in die richtige Richtung entwickelt wird. Der Daily Scrum verfolgt das gleiche Ziel in einem kürzeren Zyklus.
  • Die Retrospektive ist eine Gelegenheit für das Team, sich selbst zu überprüfen und einen Verbesserungsplan für den kommenden Sprint zu erstellen.

Wenn wir die Retrospektive abschaffen, verlieren wir den Blick aufs Team und den Prozess. Sie bietet einen Rahmen, der sonst nur sehr schwer zu schaffen ist:

  • Der fixe Zeitpunkt, die vorgegebene Dauer sowie die Regelmässigkeit sorgen für Vorhersehbarkeit und somit eine gewisse Sicherheit.
  • Die bekannte Zusammensetzung ohne Überraschungsgäste erlaubt, auch schwierige Themen anzusprechen.
  • Der wichtigste Bestandteil ist das Vertrauen, dass alles angesprochen werden darf (Prime Directive).

Essentiell ist das Verständnis, dass das ganze Team für die Retrospektive verantwortlich ist. Das heisst: Jede einzelne Person und nicht nur der Moderator ist dafür verantwortlich, dass sich alle sicher fühlen und ihr Bestes beitragen können.

Jede Veränderung des Teams als Ganzes basiert auf der Veränderung von einzelnen Teammitgliedern. Darum ist das Ziel der Retrospektive, dass jedes Teammitglied sein oder ihr Verhalten ändert.

Was nun?

Die Wiederbelebung der Retrospektive ist Aufgabe des gesamten Scrum-Teams und keine Überzeugungsarbeit des Scrum-Masters. Eine gute Methode hierfür ist eine Retrospektive über die Retrospektive. Sie bietet dem Scrum-Team die Möglichkeit, die Verantwortung für den Verbesserungsprozess zu übernehmen und diesen den eigenen Bedürfnissen entsprechend zu gestalten.

Das „Agile Retrospective Resource Wiki“ beschreibt einen möglichen Ablauf für eine Retrospektive über die Retrospektive. Ich habe es aber auch schon erlebt, dass sich die Retrospektive über die Retrospektive von selbst ergab, als ein Teammitglied im richtigen Moment auf die dürftiger werdenden Ergebnisse hinwies.

Eine Retrospektive zur Retrospektive führt selten zur sofortigen Überzeugung von Zweiflern oder zum plötzlichen Verschwinden aller Probleme. Stattdessen kann sie der Anfang einer kontinuierlichen Veränderung sein. Aber da jedes Team anders ist und es viele mögliche Ursachen für schlecht funktionierende Retrospektiven gibt, wird diese Veränderung in jedem Team anders aussehen.

In einem Team war das erste sichtbare Resultat, dass die Vorbereitung und Moderation der Retrospektiven nun abwechslungsweise von fast allen Teammitgliedern gemacht wurde, statt dass die Verantwortung dafür immer bei der gleichen Person lag. Ein anderes Team beschloss aufgrund der Ergebnisse aus einem Lean Coffee zu verschiedenen Themen, weitere Retrospektiven zu spezifischen Fragen im Zusammenhang mit Retrospektiven zu machen.

Beiden Teams gemeinsam war, dass sie die Verantwortung für die Retrospektive und damit für ihren Verbesserungsprozess (wieder) übernahmen.

Fazit

Wenn die Retrospektiven zu wenig bringen, dann sind nicht die Retrospektiven überflüssig. Stattdessen ist es Zeit sich Gedanken zu machen, warum der Verbesserungsprozess nicht (mehr) funktioniert – und daraus zu lernen.

Dieser Post entstand in enger Zusammenarbeit mit Frank Beeh.

Kommentare (2)

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Juliette Vandenford

31 Mai 2015 um 16:14

Ich kann auch dieses neue Buch sehr empfehlen: http://retrospektiven-kurzundgut.de/

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Marco Jacob

9 August 2017 um 17:29

Ich such grade unter Google genau nach einer Lösung für dieses Problem. Die Retrospektive wird einfach nicht durchgeführt, seit ich das Team nicht mehr betreue. Mit der Retrospektive der Retrospektiven kann das Team seinen Wert neu entdecken. Danke! 🙂

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