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Agile User Experience – Liebe auf den zweiten Blick

9 Juli 2013
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Lesezeit: 5 Minutes

Die Kombination von agilen Projektmanagement Methoden und Vorgehensweisen mit dem User Experience (UX) Design Prozess ist inzwischen weit verbreitet. Immer mehr Autoren berichten in Blogs, auf Konferenzen oder in Fachzeitschriften von ihren zumeist sehr positiven Erfahrungen und erfolgreichen Projektdurchführungen.

Dabei ist die Partnerschaft von „Agile“ mit „User Experience“ (kurz „Agile UX“) bei weitem keine romantische Love Story. Die ersten Annäherungsversuche waren hölzern und holprig, da viele Vorurteile und Misstrauen eine Liebe auf den ersten Blick verhindert haben.

Mitunter befürchten Usability Experten jedoch, dass im Mahlstrom der engen Release Planung, die vornehmlich auf die Erzeugung lauffähiger Features abzielt, die konkreten Nutzeranforderungen zu wenig Beachtung erhalten. (Quelle: [4]).

Schnell wurde XP und anderen agilen Methoden ein leichtsinnig schneller Start der Entwicklung bei gleichzeitiger Nichtbeachtung der tatsächlichen Benutzer vorgeworfen (siehe [1]).  Usability Engineers waren es gewohnt, dass viel Zeit für die Anforderungsermittlung und die Spezifikation der User Interface Architektur aufgewendet werden konnte. In die Entwicklung sollte erst eingestiegen werden, wenn genügend Wissen zum Nutzungskontext vorhanden war und eine vollständige UI Architektur (z.B. grundlegendes Navigationskonzept) entwickelt worden ist. Begründet wurde dies damit, dass ein permanentes Redesign des UI zu massiven Benutzungsproblemen führen kann. So würde eine grundsätzliche Veränderung (z.B. des Navigationskonzeptes, der Organisation der Informationspräsentation oder der gewählten Interaktionstechniken) von Small Release zu Small Release dazu führen, dass grundlegende Dialogprinzipien des Usability Engineering (z.B. Erwartungskonformität, Selbstbeschreibungsfähigkeit oder Erlernbarkeit) verletzt würden. Die agilen Softwareentwicklungsprozesse vernachlässigten aus Sicht des Usability Engineering eine Reihe wichtiger Vorgehensweisen zur Entwicklung gebrauchstauglicher Software.

The quality of a working relationship is a function of the extent to which it is built on a solid mutual understanding of the needs of the two parties involved. (Quelle: [8]).

Eine Retrospektive für eine Ehe mit Hindernissen

Vor gut 10 Jahren wurde in [1] der Brückenschlag zwischen Agile und User-centered Design eruiert. Zur damaligen Zeit war vor allem von XP (siehe [2]) die Rede, während Scrum mit den ersten Publikationen kurz nach der Jahrtausendwende noch in den Kinderschuhen steckte.

Agile UX ist eher keine neue Erfindung. Bereits Constantine & Lockwood haben 1999 (siehe [3]) mit dem Usage-centered Design ein integriertes, gemeinsames Vorgehen von leichtgewichtigen Software und Usability Engineering Methoden vorgestellt. Aber vor 10 Jahren waren die Begrifflichkeiten noch anders: UX wurde erst sehr viel später als Begriff etabliert.

Die Basis für ein gemeinsames Vorgehen im Sinne von Agile UX ist auch heute noch das Bewusstsein über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Einzeldisziplinen. Ein Verständnis für Herkunft und Bedeutung von Begrifflichkeiten und Philosophien unterstützt die Diskussion über ein integriertes Vorgehensmodell (aus [1]):

XP / Agile Praktiken User-centered / HCI Praktiken
Prove It With Code, Iteration, Small Increments, Create Several Models in Parallel Rapid Prototyping, Concurrent Prototyping
Story Cards, Task Cards, User Stories Scenarios, User Role & Task Model (vgl. [3])
On-Site Customer, Active Stakeholder Participation, Model With Others User-Centered Design, User Participation
Testing, TDD Usability Testing, Usability Evaluation, Usability Inspections, Usability Goals

Auf eine gemeinsame Sprache kommt es an

Der Presentation Layer ist der Teil der Software, für den es UX und Software Engineering Kompetenzen braucht. Der Hintergrund und die Ausbildung für UX Experten und Software Engineers ist in der Regel sehr unterschiedlich. Nur sehr wenige integrierte Studiengänge existieren – in der Schweiz unter anderen das iCompetence Programm an der FHNW.

Traditionelle Rollen müssen durchbrochen werden, so dass beispielsweise auch Entwickler am Designvorgang beteiligt werden. Gerade wenn sich das Agile Usability Engineering an XP anlehnt, kann die interdisziplinäre Vermischung der Akteure zum Beispiel im Rahmen von Pair Programming erfolgen. Die offene Kooperation selbst ermöglicht dann durch das konstruktive (auch soziale) Miteinander der verschiedenen Disziplinen und Perspektiven eine gegenseitige Annäherung (siehe [4,5]). Als Anforderung an Usability Experten beispielsweise hat [4] empfohlen, dass diese sich direkt im Entwicklungsteam positionieren. Anstelle der Trennung zwischen Entwicklungs-, Design- und Usability-Aufgaben sind stetige Kommunikation und Kooperation notwendig.

Und wie läuft es heute in den gemeinsamen Projekten?

Entwicklungsmodelle des Usability Engineering und agile Methoden verfolgen im Grunde ein und dieselbe Zielstellung: Leistungsstarke und stabile Anwendungen mit hohem Nutzwert und Anwenderakzeptanz hervorzubringen. Um solche Applikationen erfolgreich zu entwickeln, müssen unabhängig vom Entwicklungsvorgehen die Bedürfnisse der späteren Nutzer im Anwendungskontext verstanden werden (siehe [4]).

Auch der von [1] vorgestellte „Agile Usage-Centered Software Lifecycle“ entsprach in den Grundzügen bereits der heute postulierten Kombinatorik von Methoden: in frühen Phasen müssen Benutzer bereits bekannt und im Zentrum der Anforderungsanalyse stehen. Sie werden damit zum Bestandteil von Stories und die Bedürfnisse werden in der Planung berücksichtigt und priorisiert.

Agile User Experience (Quelle: [9]).

Agile User Experience (Quelle: [9])

Heute wissen wir, dass architektonische und UI-bezogene Tätigkeiten parallelisiert werden können, wobei die grundliegende UI Spezifikation idealerweise frühzeitig bekannt und der Impact auf die Applikationsarchitektur damit allen bewusst ist. Die eigentliche Entwicklung kann parallel ablaufen (siehe Abbildung). Während die Entwickler ausgewählte Bestandteile implementieren (Iteration n), bereiten die UX-Experten weitere Iterationen vor. So können sie zum Beispiel wichtige Benutzerstudien für die übernächste Iteration (n+2) durchführen. Für die nächste Iteration (n+1) können die UX-Experten bereits konkrete UI-Elemente gestalten und interaktive Prototypen entwickeln. Diese dienen dann als interaktive Spezifikation. So arbeiten beide Disziplinen optimal zusammen und vermeiden, dass es durch die UX-Integration zu Wartezeiten bei der Entwicklung kommt. Selbstverständlich geben die UX-Experten den Entwicklern nicht nur neue Konzepte und Designs vor. Sie führen auch Usability Tests der bereits entwickelten Module durch (zum Beispiel aus der Iteration n-1) und geben die entsprechenden Rückmeldungen (aus [7]).

Sowohl agile Methoden als auch UX leisten in vielen Projekten einen enormen Beitrag. Darüber hinaus sind die Vorgehensweisen sehr flexibel und leicht erweiterbar. Dank der Kombination von agilen Methoden mit UX Praktiken ist es auch unter schwierigen Bedingungen möglich, eine benutzerfreundliche Software zu entwickeln. Damit Agile UX gelebt werden kann, ist neben einer intensiven Kommunikation und einer engen Zusammenarbeit viel Erfahrung in beiden Disziplinen erforderlich. Alles in allem ist Agile UX eine meist glückliche Verbindung, bei der man sich zuerst in Ruhe kennen lernen und beschnuppern muss – eben wie die Liebe auf den zweiten Blick.

Und welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Hinterlassen Sie ein Feedback!

Literaturempfehlung

Das neue Buch “UX Best Practices: How to Achieve More Impact with User Experience” ist im McGraw-Hill Verlag erschienen. Die Herausgeber Helmut Degen und Xiaowei Yuan haben Beiträge aus der ganzen Welt gesammelt, um den Einfluss von User Experience Methoden zu diskutieren. Mit dabei ist auch ein Beitrag aus der Schweiz. Thomas Memmel (Zühlke), Markus Flückiger (Zühlke) und Médard Fischer (SBB) beschreiben wie User Experience und Agile Softwareentwicklung in einem gemeinsamen Projekt funktioniert haben.

Agile UX Buch

UX Best Practices How to Achieve More Impact with User Experience

Quellenverweise / Literaturhinweise

  1. Gundelsweiler, Fredrik; Memmel, Thomas; Reiterer Harald (2004): Agile Usability Engineering. Proceedings of the 4th Mensch & Computer conference (MCI 2007, Paderborn, Germany), In: Keil-Slawik, R.; Selke, H.; Szwillus, G.: Mensch & Computer 2004: Allgegenwärtige Interaktion, Oldenbourg Verlag, München, 33-42
  2. Beck, K. (1999): Extreme Programming Explained. Addison-Wesley.
  3. Constantine, L. L.; Lockwood, Lucy A. D. (1999): Software for Use: A Practical Guide to the Methods of Usage-Centered Design. Addison-Wesley Professional.
  4. Memmel, T.; Brau, H.; Zimmermann, D. (2008): Agile nutzerzentrierte Softwareentwicklung mit leichtgewichtigen Usability Methoden – Mythos oder strategischer Erfolgsfaktor? In: Brau, H., Diefenbach, S., Hassenzahl, M., Koller, F., Peissner, M. & Röse, K. (Hrsg.), Fraunhofer IRB Verlag: Stuttgart., Usability Professionals 2008, 223-227, Sep 2008
  5. Memmel, Thomas; Gundelsweiler, Fredrik; Reiterer, Harald (2007): Agile Human-Centered Software Engineering. Proceedings oft the 21st BCS HCI Group conference (HCI 2007, University of Lancaster, UK), In: Linden J. Ball, M. Angela Sasse, Corina Sas, Thomas C. Ormerod, Alan Dix, Peter Bagnall and Tom Mc Ewan: „HCI…but not as we know it“, British Computer Society, 167-175
  6. Agile Usability XING Gruppe: https://www.xing.com/net/pri5b329ax/agileusability/
  7. Agile User Experience – Kombination von User Experience Design mit Scrum – online im Blog Bedienhilfe.ch
  8. Blogbeitrag UX and Agile – Trying the knot. http://uxmag.com/articles/ux-and-agile-tying-the-knot
  9. Jocham, R.; Memmel, T. (2009): Agile User Experience. In: Computerworld – die Schweizer IT-Plattform für IT-Professionals, Ausgabe Fokus Software-Entwicklung. IDG Verlag, erschienen 21.11.2009, 24-25

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